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Carolin Emcke: „Wie wir begehren“ : Was sonst noch geschah, als Helmut Kohl Kanzler war

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Bild: verlag

Homosexualität ist kein Schicksal, sondern eine Lust: Carolin Emcke erzählt in „Wie wir begehren“ davon, wie sie das entdeckte - und welche Rolle die Musik dabei spielte.

          3 Min.

          Am ersten Schultag im Gymnasium, in einer der ersten Pausen, die auf einem schlammigen Hof verbracht werden, findet sich Carolin Emcke mit ihrem neuen Mitschüler Daniel plötzlich in einem Kreis anderer Kinder, umzingelt, aufgefordert, sich mit Daniel zu schlagen. Sie sieht ihn an diesem Tag zum ersten Mal. Es gibt keinen Grund für diese Szene, nur eine Stimmung drohender Gewalt, Willkür und Bösartigkeit, ein „wir“ der Mehrheit der Kinder, das sagt: „Schlagt euch“, und ein „ihr“ der anderen, Daniel und Carolin, die unschlüssig voreinanderstehen. Dann ist die Pause zu Ende. Niemand hat sich geprügelt. Aber ein Muster ist sichtbar geworden: das Wechselspiel von Einschluss und Ausschluss, um Hierarchien zu schaffen, wo erst mal nur eine Gruppe von Kindern war.

          Mit dieser Szene beginnt Carolin Emckes autobiographisches Buch „Wie wir begehren“. Es erzählt von einer Kindheit in den siebziger Jahren, in der es noch einen Wald gab, in dem Höhlen gebaut und Spaziergänger aus Pusterohren beschossen wurden, aber kaum „Zonen der Angst“; von einer Jugend in den Achtzigern, in der ein Musiklehrer eine tragende Rolle spielte und in der im Fach Sexualkunde von den reproduktiven Möglichkeiten des Körpers (und wie sie auszuschalten seien) die Rede war, aber nicht von Lust und was sie mit der Sexualität zu tun hat. Auch auf Daniel kommt die Autorin immer wieder zurück. Er hat sich, kaum achtzehn, das Leben genommen. Warum, darum kreisen ihre Gedanken, ohne dass sie gesicherte Erkenntnisse hätte. Er stand am Rand, machte ihn das verzweifelt? Stand er dort, weil er sich absonderte oder weil er ausgeschlossen wurde? Und stand er dort, weil er mit seiner Lust nicht klarkam? War Daniel schwul und wusste nicht, wie er das leben sollte?

          Achtung vor Andersartigkeit

          Das sind Carolin Emckes Fragen angesichts des Todes dieses Jungen, mit dem sie nicht befreundet war, über den sie aber als ein mögliches Opfer jenes Schweigens, das damals über allem Sexuellen lag, phantasiert. Er ist das Opfer, das sie selbst nicht wurde, ein junger Mann, der sein Begehren vielleicht nicht erkannte, der nicht wusste, wer er war oder werden könnte. Möglicherweise ist es so gewesen. „Später hieß es“, schreibt sie, „er sei mit einem anderen Mann gesehen worden. Später. Als es zu spät war.“

          Möglicherweise war es aber auch ganz anders. Und vor allem darum geht es in diesem Buch: Möglichkeiten offenzuhalten, Festschreibungen zu umgehen, darüber zu erzählen, wie Identität sich bildet, und sie gleichzeitig als etwas Prekäres sichtbar zu machen, wandlungsfähig und im Fluss. Es geht darum, schreibend Achtung vor Andersartigkeit zu evozieren, vor anderen Körpern, anderen Gedanken, Überzeugungen, Religionen auch. Es geht um Orte wie den Schwulenclub „Front“, an dem jeder „ein Ausländer“ sein durfte „und gleichzeitig das ewige Exil zu Ende ging“ - das Exil der Homosexuellen.

          Die Erzählung zu Judith Butlers Theorien

          Carolin Emcke, die ihr homosexuelles Begehren so tastend entdeckte, wie sie hier schreibt, ist eine furchtlose Autorin. Das hat sie nicht nur in ihren Büchern gezeigt, die sie als Kriegsreporterin bekannt machten, sondern das beweist sie gerade hier, in ihrem bisher persönlichsten, in dem sie auch vom Glück erzählt, das die Entdeckung ihrer Art der Lust für sie bedeutet. „Ich bin auch homosexuell“, schreibt sie, „weil es mich glücklich macht, weil ich mich in Frauen hineinlieben möchte, weil sich meine Lust und mein Leben richtig anfühlen.“ Das schreibt sie gegen all die, die meinen, Homosexualität sei ein Schicksal, das zu ertragen sei.

          “Wie wir begehren“ ist ein Sachbuch, deshalb lesen wir auch von der „Bravo“ aus den Achtzigern und der Repräsentation von Sexualität in dieser Jugendzeitschrift, von Schwulenparagraphen, Rechtsfragen, Denunziationskampagnen, Homophobie und sexueller Gewalt, etwa in der Odenwaldschule. Das gehört hierher. Aber am schönsten sind die Passagen (die auch den größten Raum einnehmen), in denen die Autorin gleichsam die Erzählung zu Judith Butlers Theorien liefert, die wir seit langem kennen. Wenn Judith Butler einst feststellte, das Geschlecht sei keine ontologische Tatsache, sondern Ergebnis kultureller Praxis, so erzählt Carolin Emcke uns nun, wie diese kulturelle Praxis in ihrem Leben aussah: bei uns, in der damaligen Bundesrepublik, in einer Stadt, die keine Metropole war, vor ein paar Jahrzehnten.

          Sie nimmt Umwege, immer wieder in den Wald, zu Kinderspielen, ersten Berührungen oder in die Musik, um davon zu erzählen, wie Grenzen konstruiert werden, die soziale Markierungen setzen und doch als natürliche wahrgenommen werden - zwischen den Geschlechtern, den Konfessionen und im Kleinen, wo eifrig weiter sortiert wird, zwischen alt- und neusprachlichem Zweig in der Schule, zwischen Stimmlagen im Musikunterricht. Dass Homosexualität für die Autorin in dieser Ordnung gar nicht vorkam, lag vor allem daran, dass die Phantasie an Grenzen stieß, die auch noch Grenzen der Lust waren.

          Carolin Emcke rettet die Liebe vor all jenen, die es für besonders liberal halten (wie offenbar einige ihrer Lehrer), von Sexualität zu reden, ohne von Gefühlen zu sprechen. Damit erst gibt sie der Lust und ihrem Begehren, das sie als „Fluss ohne Ufer“ beschreibt, einen Raum. Weil sie neben der Lust auch die Musik liebt - und einen Lehrer hatte, der besser war, als alle Phantasie es sich träumen könnte -, hat sie ein Gespür für subkutane Dissonanzen. So bewegt sie sich schreibend auf der Suche nach einem Ich, das ganz eigen und für Veränderungen offenbleiben will, wie durch ein Musikstück auf der Suche nach Soloinstrumenten, Motiven, Klangnuancen. Ihr Buch ist ein radikales Bekenntnis zur eigenen Homosexualität. Eine Solidaritätsadresse an alle, die lieben wie sie. Und eine Absage an kollektive Identitäten, die sich über Ausgrenzung stabilisieren.

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