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Carlos Widmann: Das letzte Buch über Fidel Castro : Süchtig nach dem Geschmack der Macht

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Bild: Hanser Verlag

Als „Mann der Vorsehung“ machte er aus dem einst blühenden Kuba eine unterentwickelte Insel: Carlos Widmann über Fidel Castro - und den langen Winter des Patriarchen.

          Die Übertreibung ist ein legitimes Stilmittel der Rhetorik. Aber man kann es auch übertreiben.“ Zu den Vorzügen von Carlos Widmanns „letztem Buch über Fidel Castro“ gehört dieser Ton einer milden, trockenen Ironie, mit dem er die erstaunliche Lebenskarriere des großen Zampano der kubanischen und lateinamerikanischen Revolution noch einmal abschließend vermisst. Es ist ein Porträt in siebzehn Einzelaufnahmen, jede davon erhellender, vergnüglicher oder bestürzender als die nächste.

          Nicht wenige der intimen Kenntnisse, die anekdotisch einfließen, verdanken sich Widmanns Erfahrungsschatz als langjähriger internationaler Korrespondent, der hier und da - sehr diskret - selbst mit ins Bild kommt: sei es als Begleiter westlicher Revolutionstouristen (darunter Hans Magnus Enzensberger) bei der Zuckerrohrernte 1969; sei es als Reporter im Pressetross, der Castro 1972 bei seinem spektakulären (und fatalen) Staatsbesuch im Chile der Volksfront Salvador Allendes begleitete; oder sei es als ein später Besucher des zur Staffage verkommenen Irrenasyls von Havanna, in dem einem Strom internationaler Besucher jahrzehntelang mit Hilfe professioneller Orchestermusiker oder Balletteusen die Charade eines „humanitären Sozialismus“ vorgespielt wurde, während längst Verhältnisse wie in Ceausescus Waisenhäusern herrschten.

          Überleben als Schicksalsbeweis

          In feingezeichneten biographischen Skizzen versucht Widmann, den Erfolgs- und Betriebsgeheimnissen seines problematischen Helden auf die Spur zu kommen: den frühen Prägungen als Sohn eines analphabetischen Aufsteigers in die postkoloniale, rein weiße, spanisch-katholische Oberschicht der Zuckerinsel; seine Studienjahre im Pistolero-Milieu der rivalisierenden Gruppen an der Universität von Havanna; oder seine Feuertaufe 1948 bei den anarchischen Unruhen in Bogotá (dem „Bogotazo“) nach dem Tod des kolumbianischen Volkstribunen Gaitán. Dessen Parole „Ich bin nicht nur ein Mann, ich bin ein Volk“ könnte dem jungen Castro als Lebensmotiv gedient haben.

          Tatsächlich folgte seine epische Revolutionskarriere von Anfang an dem Muster eines tollkühnen Ego-Trips, bei dem das schiere Überleben - sei es beim Kamikazeangriff auf die Moncada-Kaserne 1953, sei es bei der ähnlich dilettantischen Landungsaktion 1956 - immer nur ein neuer Schicksalsbeweis für seine angestrebte Rolle als „Mann der Vorsehung“ war. Und wenn der Großteil seiner Gefährten dabei draufging, dann blähte das nur seinen Nimbus, der ganz früh schon kultische Züge annahm. So wenn eine der beiden Frauen beim Moncada-Überfall, Haydée Santamaría, deren Bruder Abel von der Soldateska ermordet worden war, ihrer Mutter aus dem Gefängnis schrieb: „Abel wird uns niemals fehlen, Mama: denk jetzt daran, dass es Kuba gibt und dass Fidel lebt.“

          Die Naturtatsache und der unzerstörbare Nimbus

          Ja, Fidel hat sie alle überlebt, seine erbittertsten Feinde wie seine ergebensten Freunde, so auch Haydée Santamaría, die sich 1980 am Revolutionstag (dem Tag des Moncada-Überfalls) mit einer Pistole in ihrem Büro erschoss, nachdem ihre einst angesehene Kulturinstitution, die „Casa de las Américas“, unter der erstickenden Zensur zu einer leeren Hülle geschrumpft war. Das war nur einer von vielen „unzulässigen“ Selbstmorden in Castros Umgebung; der deshalb auch nicht zum Begräbnis erschien.

          Widmanns Urteil über den Mann und sein Wirken fällt einigermaßen paradox aus. Als längstregierender Potentat seit Menschengedenken, der noch immer aus den Kulissen die Fäden zieht, während er für mehr als vier Fünftel aller heute lebenden Kubaner gleichsam zu einer Naturtatsache ihrer Existenz geworden ist, sei Castros Nimbus als Figur der lateinamerikanischen Geschichte im Grunde schon unzerstörbar geworden - was immer aus den kubanischen Archiven später einmal über ihn zutage gefördert werde; und ganz gleich, wie man sein Wirken als Máximo Líder (Oberster Führer) abschließend bewerten werde, der es geschafft hat, eines der entwickeltsten Länder Lateinamerikas beinahe systematisch „unterzuentwickeln“.

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