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Carl Einstein: Über Georges Braque und den Kubismus : Weg mit der Wirklichkeit

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Bild: Diaphanes

In einer als Monographie getarnten kunsttheoretischen Abhandlung feiert Carl Einstein 1934 die Bildermacht des malenden Revolutionärs Georges Braque.

          1934 erscheint in Paris die erste Monographie über den Maler Georges Braque. Ihr Autor ist Carl Einstein, der dieses Buchprojekt über seinen Künstlerfreund schon seit den frühen Zwanzigern geplant hatte. Von einer Monographie würde man eigentlich eine chronologische Schilderung von Braques Leben und Werk erwarten; nichts davon findet sich bei Einstein.

          Er schreibt eine kunsttheoretische Abhandlung, die sich abstrakt mit Braques Arbeiten befasst, gleichzeitig mit der Kunst von der Renaissance bis zum neunzehnten Jahrhundert abrechnet und noch dazu die zeitgenössische Kunstkritik harsch attackiert. Denn für seine Kollegen hat Einstein harte Worte parat. „Verkrachte Fetischisten“ nennt er sie, „schwächliche Wortdekorateure“, „beschreibende Coiffeure, die so gern ein Cézanne’sches Blau zu Metaphern ondulieren“.

          Grundfesten der Kunst erschüttern

          Anders als die solcherart heruntergeputzten Ästheten sieht Einstein Bilder nicht vorrangig als „ästhetische Gebilde“, die losgelöst von einem sozialen und historischen Kontext existieren, sondern als „lebendige Kraft und praktisches Werkzeug“. Sie interessieren den politisch links engagierten Autor, der im Kreis der Berliner Spartakisten aktiv war, als Mittel, „das Wirkliche, die Struktur des Menschen und die Weltbilder abzuändern“. Dementsprechend fordert Einstein eine Kunst, die sich von der Tradition verabschiedet, sich gegen das „bürgerliche Wirklichkeitsbild“ wendet und neue Realitäten erzeugt. Die Aufgabe des Kritikers besteht für ihn darin, den „Sterbeprozess der konventionellen Deutungen und Formen“, der alten Kunst also, zu beschleunigen.

          Wie kommt nun Georges Braque ins Spiel? Er ist für Einstein ein malender Revolutionär, ein Subversiver, der „eine Neuerfindung der Welt, des Sehens und des Raums versucht und verwirklicht“ hat. Im Kubismus sieht Einstein einen „geschichtlichen Umbruch ersten Ranges“. Seit der Renaissance habe die starre Konvention der Perspektive die „primär gestaltbildenden Kräfte“ der Künstler gehemmt. Auch die Impressionisten und Fauvisten mit ihrer auf die Farbe fokussierten, dekorativen Malerei seien aus dem perspektivischen Korsett nicht ausgebrochen, obwohl die veränderte „seelische Struktur“ der neuen Zeit es schon längst forderte: „War man besonders kühn, so gipfelte ein Baum in Blau oder das Gesicht einer alten Bäuerin schimmerte wie ein Kolibrihintern.“ Für Einstein muss die Veränderung tiefgreifender sein - sie soll an den Grundfesten der Raumdarstellung ansetzen.

          Auch heute noch lehrreich

          Bei Braque, der ab 1911 die Perspektive hinter sich lässt, sieht Einstein seine Forderungen verwirklicht. Braques Zerlegung des Raums in zweidimensionale kubische Formen - „tektonische“ Fragmente nennt Einstein sie - zeige den Raum als „wechselndes Erlebnis und Projektion des Menschen“. Damit habe er die rationalistische Fiktion der Scheidung von innerer und äußerer Welt aufgelöst.

          Sei das Ziel von Braques Malerei in der „tektonischen Phase“ vor allem die „Vernichtung der alten apparencen von Realität“ gewesen, ginge es in der „romantischen Phase“, die Einstein nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ansetzt, um die Erschaffung neuer Wirklichkeit. Nun wendet sich Braque vermehrt Figuren zu; weiche Kurven verdrängen nach und nach die harten kubischen Formen. Einstein möchte in diesen Bildern mythische Gestalten sehen und „Psychogramme“, die Braque „gemäß den Wellen und Tälern des seelischen Strömens“ aufzeichnet. Psychogramme seien in der Lage, im Betrachter das Unbewusste zu aktivieren und „kollektive Kräfte“, die darin schlummerten, auszulösen.

          Diese lebendige Macht der Bilder formt den Kern von Einsteins Kunsttheorie - denn wie wäre der Kunst sonst eine revolutionäre Bedeutung beizumessen? Sie macht Einstein auch für gegenwärtige Kunsthistoriker interessant, die sich der Macht der Bilder widmen. Selbst wenn Einsteins Text oft ein „mäandernder, gelegentlich zäh dahinfließender Gedankenstrom“ ist, wie der Herausgeber der neuen Ausgabe Uwe Fleckner treffend anmerkt, lohnt sich doch die Lektüre. Der bissige, witzige Stil mit den brillanten sprachlichen Bildern entschädigt für die opakeren Passagen voller eigenwilliger Begriffsprägungen.

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