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Bücher zur Krise der Kirchen : Die funktionierende Ökumene der Krise

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Bild: Verlag

An Rezepten zur Lösung der Kirchenkrise fehlt es nicht. Auf katholischer Seite melden sich Hans Küng und Hermann Häring mit zwei Streitschriften zu Wort. Friedrich Wilhelm Graf beschwört die intellektuelle Freude am Evangelischsein.

          Es ist offenkundig: Katholisch zu sein macht im Moment keinen Spaß. Auch und gerade, wenn, ja vielleicht sogar weil wir derzeit Papst sind: Missbrauchsfälle, hohe Austrittszahlen, Priestermangel sind nur drei Stichworte, mit denen die Krise der römisch-katholischen Kirche in Deutschland und anderswo umrissen ist. Nicht einmal der Heilige Vater in Rom wird träumen, dass dies nur eine vorübergehende Zeiterscheinung sei und dass sich die Dinge gleichsam von allein bessern würden.

          In diese Lage hinein sprechen zwei Beispiele der Gattung „Streitschrift“, verfasst vom Tübinger Theologen Hans Küng und seinem Schüler Hermann Häring, bis zu seiner Emeritierung Professor für Wissenschaftstheorie und Theologie in Nijmegen. Wer sich ein bisschen auskennt in der theologischen Landschaft, ahnt wohl nun schon, wohin die Reise geht, und - nehmen wir es vorweg - er irrt sich nicht. Zwar geben beide Autoren, treue Kritiker der Mutter Kirche, die Hoffnung nicht auf, aber unter einer Rosskur ist die Heilung nach ihrer Analyse nicht zu machen.

          Radikale Reform tut not!

          Womit schon die Krankheitsmetapher anklingt, welche das ganze Buch von Küng, bisweilen etwas aufdringlich, durchzieht: Es bietet eine umfassende Krankengeschichte und Diagnose an, zugleich aber auch ausführliche Vorschläge zur Besserung. Dass Küng nicht umhinkann, dabei auf viele frühere eigene Reformvorschläge und Veröffentlichungen zu verweisen (darunter, wie in bescheidener Objektivität angemerkt wird, der „unüberholte Klassiker“ „Die Kirche“ von 1967), versteht sich.

          Aber es geht erkennbar nicht ums bloße Rechthaben oder um das Begleichen alter Rechnungen. Vielmehr spürt man den Zeilen an, dass ihr Autor immer noch von dem hoffnungsvollen und von ihm selbst mit gestalteten Aufbruch beim Zweiten Vatikanischen Konzil geprägt und bewegt ist. Das heißt für die Gegenwart: Radikale Reform tut not!

          Ekklesialer Ungehorsam ist geboten

          Die Krankheit der Kirche, das ist für Küng das „römische System“, die „autoritäre institutionell-personelle Machtstruktur der Kirchenleitung“ vom Vatikan aus. Sie hat ihre Wurzeln tief in der Geschichte, und sie konnte, so die Einsicht des Autors, vor allem deshalb die „Kirche im Konzil“ überdauern, weil sie in Johannes Paul II. und Benedikt XVI. vehemente Verteidiger fand. Die beiden Herren sind Küngs Lieblingsfeinde, was angesichts seiner Erfahrungen mit ihnen verständlich erscheint. Doch schon der „in manchen Punkten durchaus tolerante“ Montini-Papst Paul VI., der in Küngs Autobiographie noch relativ günstig wegkam, hatte, so der Autor jetzt, mit einer Reihe von Enzykliken der Kirche den Konzils-Wind aus den Segeln genommen. Doch sind nicht die nachkonziliaren Päpste allein schuld; es fallen auf 250 Seiten zahlreiche Namen, von Kardinälen und Bischöfen, von kirchlichen Gruppen und einzelnen Theologen. Da kriegt mancher sein Fett weg.

          Das Buch veranschaulicht seine These mit einer ganzen Reihe geraffter Beispiele aus der Geschichte der Kirche und gegenwärtiger Momentaufnahmen. Eine solide kirchensoziologische Analyse ersetzt das natürlich nicht. Aber wer selbst Einblicke in katholische Kirchengemeinden hat, wer einmal miterlebt hat, wie Gemeinden bei der Besetzung von Pfarrstellen übergangen werden, wer die Lebenswirklichkeit und die Nöte von Priestern sensibel, aber nicht hämisch wahrnimmt, oder wer registriert, wie hinter vorgehaltener Hand in Kreisen der theologischen Elite davon gesprochen wird, dass „die Sache gegen die Wand fährt“, wird Küngs gewiss pointierte Diagnose nicht bloß für ein Aufbauschen von Einzelfällen und Ausnahmephänomenen halten.

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