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Bücher zum Lutherjahr : Ein Gespenst namens Protestantismus

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Alle feiern ihn, keiner kommt ihm nah: Magneten mit dem Porträt des Reformators im Lutherhaus Eisenach. Bild: dpa

Reformatoren-Zwerge und ein Schrumpfgermane: Drei neue Bücher über Martin Luther werfen die Frage auf, warum 2017 eigentlich gefeiert wird.

          Die heute bekannteste zeitgenössische Luther-Darstellung ist die massenhaft reproduzierte Skulptur Otmar Hörls – ein Verkaufsschlager, lieferbar in den Farben Kobaltblau, Moosgrün, Purpurrot, Schwarz und Bronze, hergestellt in der Materialität unserer Wegwerfzivilisation: Kunststoff. Das dem knapp einen Meter großen Luther-Zwerg zugrundeliegende „Urbild“ ist jene Monumentalstatue J. G. Schadows, die seit 1821 den Marktplatz Wittenbergs beherrscht. Die bunte und billige Reproduktion eines nationalistischen Heros des neunzehnten Jahrhunderts – das Luther-Bild unserer Zeit. In Hörls Strategie, ein überkommenes Geschichtsbild zugleich zu konterkarieren und zu reproduzieren, zeigt sich ein symptomatischer Zug unserer Gegenwart.

          Diesen Zug kann man auch an einigen Neuerscheinungen wahrnehmen – ein erstes Rauschen der heraufziehenden Reformationsjubiläumspublizistik. Jedes dieser Bücher macht sich Luthers Bekanntheit zunutze und führt seinen Namen im Haupt- oder Untertitel; keines dieser Bücher erkennt ihm und der mit ihm verbundenen Reformation Größe im Sinn originaler historischer Prägekraft oder bleibender Bedeutsamkeit zu. „Luther der Ketzer – Rom und die Reformation“, vorgelegt von Volker Reinhardt, dem in Fribourg lehrenden profunden Kenner Italiens und des Papsttums um 1500, erzählt die Geschichte des Wittenberger Reformators aus der Perspektive Roms, also der im Auftrag und Umkreis des Papstes tätigen Skribenten, Nuntien, Kurtisanen.

          Befremdet angesichts des germanischen Barbaren

          Auf anschauliche Weise führt Reinhardt vor Augen, wie wenig die römischen Akteure von Luther verstanden, wie tief sie in Ressentiments gegenüber den germanischen Barbaren befangen waren, wie blasiert-befremdet sie der Luther-Begeisterung nördlich der Alpen gegenüberstanden und wie unfähig und -willig sie waren, die religiöse Inbrunst, die ihnen hier entgegenschlug, auf theologisch ernsthafte Weise zu parieren.

          Mit diesem durchaus originellen ultramontanen Blick aber ist die Grenze des Buches erreicht, denn im Grunde teilt der eloquente Stilist Reinhardt das Befremden seiner Quellen; was an Luthers Sicht des Christentums zu faszinieren vermochte, warum Menschen vor einem halben Jahrtausend bei der Lektüre seiner Texte elektrisiert waren, weshalb Lebensgeschichten infolge der Begegnung mit seiner Botschaft einen neuen Verlauf nahmen – Mönche und Nonnen ihre Klöster verließen, Priester heirateten, Stifter ihre Bilder und Altäre abbrechen ließen –, von all dem erfährt der Leser nichts.

          Ein germanischer Barbar, aber mystisch gebildet: Das Lutherdenkmal auf dem Marktplatz von Wittenberg.

          Ärgerlich, ja hart am Limit der Seriosität, ist die reißerische Werbebanderole: „Geheimakte Luther. Vatikanische Quellen decken auf, was in der Reformation wirklich geschah“. Nicht ein einziges Aktenpartikelchen aus den reichen römischen Archiven bringt der Rom-Kenner Reinhardt neu bei! Was er auswertet und -schreibt, sind die seit 1892 publizierten Nuntiaturberichte und die von Th. Brieger und P. Kalkoff seit 1884 veröffentlichten Depeschen, in denen Alexander und andere Emissäre in die Ewige Stadt berichteten. Dass ein Autor italienische Quellen auswerten kann, ist fein – aber „Geheimakte Luther“?! Die gab es eben nicht, und das ist Teil jener Tristesse, die das Thema „Rom und die Reformation“ umgibt.

          Das gesichtslose Gespenst des Protestantismus

          Verfremdung und Enthüllung verspricht auch ein zweiter Titel: „Die fremde Reformation – Luthers mystische Wurzeln“. Sein Verfasser, Volker Leppin, evangelischer Kirchenhistoriker, fasst hier monographisch kompakt zusammen, was ihn seit längerem umtreibt: die tiefe und nachhaltige Prägung Luthers durch die mystische Theologie Johannes Taulers und einiger Nachfolger. Unermüdlich zeigt er Parallelen zwischen Frömmigkeitstraditionen des späten Mittelalters und dem theologischen Werden des Wittenberger Reformators auf; entscheidende intellektuelle Weichenstellungen wie die Konzentration auf das Gotteswort, die Freiheit eines Christenmenschen, das Priestertum aller Gläubigen, die Sakramentenlehre sind nichts anderes als „Transformationen“ – so der von Leppin als Alternative zu der auf „Umbruch“ abonnierten Reformationsterminologie eingebrachte Schlüsselbegriff – mystischer Traditionsbestände.

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