https://www.faz.net/-gr3-z7r0

Bücher von Marc Augé und Vincent Debaene : Das Leben und Arbeiten in der Ferne erzieht den Blick

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Auf Reisen sehen wir den Schmutz, mit dem wir das Antlitz der Menschheit besudeln: Zwei Bücher führen uns zwischen der Pariser U-Bahn und den brasilianischen Urwäldern durch das exotische Feld der französischen Ethnologie.

          Es war im Jahre 1960, als Marc Augé zum ersten Mal in Berührung mit der Ethnologie kam, im „Jahr Afrikas“ also, in dem knapp zwanzig Kolonien südlich der Sahara in die Unabhängigkeit entlassen wurden. Augé schloss zu diesem Zeitpunkt gerade sein Studium der klassischen Philologie an der Kaderschmiede Ecole Nationale Supérieure ab, als er Georges Balandier kennenlernte. Balandier war einer der großen Erneuerer der französischen Ethnologie und hatte in den eineinhalb Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg mit den bis dato in Frankreich dominanten Tendenzen im Fach gebrochen.

          Nicht nur stellte er viele der gängigen Lehren über Kolonialismus und gesellschaftliche Ordnungen südlich der Sahara in Frage. Sein Plädoyer für eine dynamische Ethnologie der Moderne in Afrika ging überdies einher mit scharfer Kritik etwa an der Schule Marcel Griaules, die sich auf die Bedeutung von Ritualen, Mythen und Symbolen beschränkte. Balandier lud den frisch examinierten Lehrer Augé ein, seine Kurse an der École des Hautes Études en SciencesSociales (EHESS) zu besuchen, deren Präsident Augé ein Vierteljahrhundert später werden sollte.

          Die eigene Welt mit fremden Augen betrachten

          Wie Augé in seinem jüngsten Buch „La vie en double“ notiert, war seine Begegnung mit Balandier die erste Etappe seiner „Initiation“ zum Ethnologen. Es folgte der Militärdienst in Algerien in der Zeit unmittelbar nach der Unabhängigkeit des Landes von Frankreich, das seine Herrschaft über diese Siedlerkolonie über viele Jahre so hartnäckig wie brutal aufrecht zu erhalten gesucht hatte. Hier machte Augé eine Erfahrung, die auch die langen Feldforschungsaufenthalte in der Elfenbeinküste prägen sollte: Sich nur dort wirklich zu Hause zu fühlen, „wo man mit derselben Leichtigkeit die ,Anderen' beobachtet wie man selbst ,Anderer' ist, wo sich selbst fremd zu werden ausreicht, um die Anderen als weniger fremd zu empfinden“.

          Fünf Jahre im Stück verbrachte Augé als Forscher des Office de la recherche scientifique et technique outre-mer in dem westafrikanischen Land und sammelte Material für Studien etwa zu prophetischen Bewegungen im zwanzigsten Jahrhundert. Aufmerksamkeit und Geduld charakterisiert er in „La vie en double“ als die Tugenden seiner ethnologischen Arbeit, „still sein und zuhören, um zu verstehen, worum es eigentlich geht“. 1985 folgte Augé dem Historiker François Furetin der Präsidentschaft der EHESS. Kurz darauf erschien eine seiner bekanntesten Studien. In „Ein Ethnologe in der Metro“ beschrieb er das Netz der Pariser U-Bahn, die Namen ihrer Stationen, ihre Passagiere, ihre Passagen zwischen Arbeit und Freizeit, Stadtzentrum und Peripherie, Tag und Nacht als eine Form der Einsamkeit.

          Retrospektiv erklärt er diesen Ansatz zu einem Spiel, bei dem er sich freilich bewusst in eine Tradition der Aufklärung stellte, wie sie etwa Montesquieus „Persische Briefe“ repräsentieren - der Autor betrachtet die eigene Welt mit fremden Augen. Darauf basierte die Ethnologie als „Wissenschaft vom Fremden“. Das Leben und Arbeiten in der Ferne erzieht den Blick und ermöglicht nach der Rückkehr die genaue Betrachtung der eigenen Gesellschaft. Gegenwärtig sieht Augé das Fach vor einer großen intellektuellen Verantwortung. Sein Rat klingt freilich so originell nicht. Es genüge keineswegs, alle Welt einfach nur zu respektieren und die Vielfalt zu zelebrieren, sondern kritisch zu analysieren, was genau sich hinter Worten wie „Kultur“ und „Identität“ verberge.

          Weitere Themen

          Wie können Mint-Fächer attraktiver werden?

          Hohe Abbruchrate : Wie können Mint-Fächer attraktiver werden?

          Studenten aus dem Mint-Bereich fühlen sich oft überfordert und brechen ab. Das liegt auch an fehlenden Kenntnissen aus dem Schulunterricht. Könnten verpflichtende Vorkurse daran etwas ändern? Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Spitzenfrauen : Harmonie auf Zeit

          Nachdem die Personalien geklärt sind, geht es politisch bald ans Eingemachte: Mindestlohn, Arbeitslosenversicherung, Rüstungsexporte. Die mächtigsten Frauen Europas – Kramp-Karrenbauer, von der Leyen und Merkel – könnten sich dabei in die Quere kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.