https://www.faz.net/-gr3-92y2b

Bücher über den Islamismus : Giftige Blüten einer zerfallenden Religion

  • -Aktualisiert am

Anders als in seinem vor kurzem auch auf Deutsch erschienenen Buch „Der Übermuslim“, in dem er sich wie Roy speziell mit den Hintergründen für dschihadistische Gewalt befasst, spannt Benslama jetzt einen weiten Bogen vom Islamismus, der Ideologie, die, seiner Auffassung nach, dem Dschihadismus zugrunde liegt, zum Islam. Beide stünden in einem nicht endgültig geklärten Verhältnis zueinander. „Der Islamismus ist sicher nicht der ganze Islam“, schreibt er, „aber man kann ihn auch nicht als bloße Abirrung abtun.“ Er sei, führt er mit einem Verweis auf Hannah Arendt aus, die „islamische Version der Krise der Moderne“, die „alle Merkmale einer totalitären Massenideologie aufweist“.

Die Kultur als vermittelnde Instanz

In weiten Teilen liest sich das Buch als erhellende Studie über die missglückte Modernisierung in der islamischen Welt, die dieser von außen aufgenötigt, jedoch niemals selbständig angeeignet, geschweige denn weiterentwickelt wurde. „Man kann sagen“, schreibt Benslama, „dass sich die Modernisierung ohne die dafür notwendige Kulturarbeit ereignet hat.“ Im Sinne Freuds versteht Benslama Kultur als vermittelnde Instanz zwischen dem Subjekt und dem Kollektiv. Das Fehlen dieser Vermittlung und das eher mimetische Nachahmen der Moderne durch die herrschenden Eliten hätten zu einem Prozess der Entsubjektivierung breiter Massen der Bevölkerung in den islamischen Ländern geführt.

Die Scham, „als Subjekt abgedankt“ zu haben, habe den Boden für eine Regression bereitet, die als Sehnsucht nach dem Ursprung verstanden werden könne. Die Obsession einer reinen und vollkommenen Vergangenheit, eines goldenen Zeitalters des Islams, treibt Islamisten bekanntermaßen um, und sie steckt in der Konstruktion der Salaf, der frommen Altvordern, die Salafisten zu ultimativen Vorbildern stilisieren. Würde man Benslamas These auf die jungen Radikalen in den Pariser Vorstädten anwenden, von denen Roy spricht, dann würde verständlich, warum sie anfällig für den nihilistischen Todeskult sind, und man käme um eine Pathologisierung des Phänomens herum. Einig ist sich Benslama mit Roy darin, dass die Suche nach dem Ursprung keineswegs in die Vergangenheit, sondern in eine ungewisse Zukunft führt. Die Religion, die in Auflösung begriffen sei, werde mit Elementen der Moderne geflickt, insbesondere mit Anleihen aus der Wissenschaft. „Der Szientismus, der den religiösen Diskurs infiltriert“, schreibt Benslama, „ist sehr präsent, so als ob die Religion den Gläubigen die Ordnung der alten Wahrheit nicht ausreichend garantieren könnte.“

Über den Terror im Namen des Islams hinaus

Doch Benslama geht es nicht nur um den Terror im Namen des Islams oder um die von korrupten Eliten verhinderte Aneignung der Moderne, sondern auch um die Konstituierung des weiblichen und männlichen Subjekts und ihre Beziehungen zueinander. Als Ausgangspunkt seiner Erörterungen wählt er die Revolution der Geschlechterverhältnisse in Tunesien unter Bourguiba, der mit der Verkündigung des unabhängigen Staates die politische und rechtliche Gleichstellung der Frauen verordnete. Dann löst sich Benslama jedoch von der politologischen Perspektive und beginnt sein eigentliches Vorhaben: sprachgewaltige Erkundungen profaner und religiöser Literatur der islamischen Welt, aus deren Texten er die Spuren einer als verstörend erlebten Macht der Frau herausarbeitet.

Der Versuch, diese Macht einzuhegen oder gar auszulöschen, durchziehe die Geschichte des Islams genauso wie die des Islamismus. Benslamas intellektuelle Exkursionen werden durch die Klammer der Psychoanalyse zusammengehalten. Letztendlich will er prüfen, ob sich der „Ursprung des Islam in die Sprache der Dekonstruktion Freuds übersetzen“ lässt. Auch das gehört zu den überraschenden Perspektiven auf wichtige Themen der Gegenwart, die Benslama den Lesern mit diesem Buch eröffnet.

Weitere Themen

Topmeldungen

Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.