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Rezension „Die Rattenlinie“ : Wie ein österreichischer SS-Mann nach dem Krieg in Rom landete

  • -Aktualisiert am

Sieben Jahre folgt der Autor und Jurist Philippe Sands dem Leben, der Flucht und dem Sterben eines Nazi-Verbrechers. Bild: dpa

Mit bischöflicher Hilfe: Philippe Sands beschreibt in seinem Buch „Die Rattenlinie“ das Untertauchen und die Flucht eines österreichischen SS-Manns nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Die lesenswerten Recherchen geben einen Einblick in eine siebenjährige Spurensuche.

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          Wer das neue Buch von Philippe Sands zur Hand nimmt, dem fallen zwei kolorierte Fotografien auf dem Umschlag auf. Die eine, etwas grobkörnig, zeigt ein Paar mittleren Alters inmitten einer idyllischen Berglandschaft. Sie scheinen sich nach einer Wanderung auf einer Wiese niedergelassen zu haben. Das andere, auf dem Buchrücken, zeigt ein Familienporträt, Eltern mit zwei kleinen Kindern. Der Mann trägt eine Uniform und schwarze Lederstiefel, die Frau ein elegantes Cape und einen modischen Hut. Auf beiden Fotografien ist dasselbe Paar abgebildet: der SS-Funktionär Otto Wächter (1901–1949) mit seiner Frau Charlotte. Die Aufnahmen, im Abstand von nur vier Jahren entstanden, zeigen Wächter einmal als SS-Gruppenführer mit zwei seiner sechs Kinder, auf der anderen ist er ein gesuchter Kriegsverbrecher auf der Flucht, der sich in der Bergwelt der Hohen Tauern versteckt hält.

          Zwischen Kriegsverbrecher und Familienvater: die Geschichte von Otto Wächter.
          Zwischen Kriegsverbrecher und Familienvater: die Geschichte von Otto Wächter. : Bild: S. Fischer Verlag

          Das Familienporträt von 1944 vereint die drei Hauptpersonen von Sands’ Buch: Wächter selbst, seine Frau Charlotte (1908–1985) und ihren 1939 geborenen Sohn Horst Arthur. Letzteren hatte Sands bei den Recherchen für sein 2018 auf Deutsch erschienenes Buch „Rückkehr nach Lemberg“ kennengelernt. Die Begegnung mit Horst Wächter inspirierte Sands zu seinem neuen Buch, das sich wie eine Fortsetzung des ersten liest und ihm mit der Verknüpfung von lebendiger Erzählweise und historischer Methode gleicht.

          Die Stadt Lemberg, heute Lwiw in der Ukraine, gehörte unter der deutschen Besatzung von 1941 bis 1944 zum Distrikt Galizien. Im Januar 1942 wurde der österreichische Nationalsozialist Otto Wächter, einer der führenden Köpfe des Wiener Juliputsches 1934 und seit November 1939 Gouverneur des Distrikts Krakau, zum Gouverneur des Distrikts Galizien ernannt. In die Amtszeiten Wächters fallen die Verfolgung, Gettoisierung, Deportation und Vernichtung der einheimischen jüdischen Bevölkerung und zahlreiche andere Verbrechen. Schon im Oktober 1942 berichtete die „New York Times“ unter der Überschrift „Polen klagt an“, dass die polnische Exilregierung Wächter als einen von zehn Hauptverantwortlichen für den Tod von 400.000 Menschen in Polen identifiziert habe.

          Rekonstruktion von Wächters Fluchtgeschichte

          Sein Sohn Horst will die Schuld des Vaters bis heute nicht anerkennen, machte Sands aber dessen Nachlass und den seiner Mutter Charlotte zugänglich. Auf der Grundlage zahlreicher Briefe, Tagebücher, Fotografien und anderer Unterlagen aus diesen Konvoluten rekonstruiert Sands die Lebens-, vor allem aber die abenteuerliche Fluchtgeschichte von Wächter, dem es gelang, sich der Strafverfolgung nach 1945 zu entziehen.

          Unmittelbar nach Kriegsende hatte sich Wächter drei Jahre lang zusammen mit einem anderen SS-Mann in den österreichischen Bergen in ständig wechselnden Quartieren zwischen Salzburg und Zell am See versteckt gehalten. In dieser Zeit traf er sich immer wieder mit seiner Frau, die ihn mit Lebensmitteln und Wäsche versorgte.

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