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Gefühl für das Göttliche: Für Blinde gibt es in der Turiner Kathedrale eine Aluminium-Replik des Grabtuchs zum anfassen. Bild: Picture-Alliance

Buch über das Turiner Grabtuch : Fallstricke eines einzigartigen Relikts

  • -Aktualisiert am

Sachinformationen auf dem neuesten Stand? Barbara Stühlmeyer und Karl Braun versprechen Aufklärung über das Turiner Grabtuch. Und lassen in ihrem Buch allzu oft Fakten und Faszination kollidieren.

          Die „Vexierbilder“ eines Gekreuzigten im Turiner Grabtuch machen Millionen zu Pilgern und Hunderttausende zu Autoren. In atemberaubender Geschwindigkeit vermehren sich Internetartikel zu diesem mindestens sechshundertfünfzig Jahre alten, von Schaulust und Fahrlässigkeit arg malträtierten Linnen. Zwischen zwei Buchdeckeln erwartet man hingegen Strukturierteres und Beständigeres.

          Barbara Stühlmeyer und Karl Braun versprechen – vom „profunden Rat und den inspirierenden Impulsen“ eines emeritierten Erzbischofs unterstützt – zum Grabtuch „Sachinformationen auf dem neuesten Stand“ und zusätzlich eine „Darstellung des Grabtuchs als Begegnungsgeschichte“. Das flüssig geschriebene Werk enttäuscht beide Erwartungen. Es behandelt bestenfalls zur Hälfte das Turiner Leinen, im Rest unter anderem das Problem christlicher Bilder, Jesusreliquien, Stigmata und vor allem das Schauen des Antlitzes Christi. Diesem begegneten die meisten der vorgestellten Personen, teilweise rein spirituell, teilweise auf dem Umweg über das Geheimnis der römischen Veronika. Alles zusammen ergibt ein Kaleidoskop, in dem das Grabtuch immer wieder aufscheint und den roten Faden bilden soll.

          Gewonnen wird diese Monographie aus frommen und größtenteils populärwissenschaftlichen Quellen, im Historischen sogar besonders gern aus einem Bilderbuch für die Jugend. Sie ist „nicht chronologisch, sondern assoziativ strukturiert“, wobei „die Fakten und die Faszination ineinander“ verwoben sind, weil sie bezüglich des Turiner Grabtuchs angeblich „nicht voneinander zu trennen“ sind.

          Muschelseide als „Medienphänomen“

          Viele „Fakten“ sind Kolportagen bestenfalls aus zweiter Hand, zudem alles zwischen widersprüchlich, oberflächlich und elementar falsch. Ein Beispiel aus dem Grenzbereich von Medizin und Geschichte: Das „Lendenblut“ am Rücken des Mannes im Leinen kann nicht einerseits aus dem Herzen stammen und gleichzeitig – nach Anna Katharina Emmerich und Therese Neumann – von einem „Transportfesselsystem oder Abschiebegürtel“ herrühren, denn: „Visionärinnen sehen mehr.“ Der Leser erfährt zwar, dass solche Gefangenengürtel „immer noch gebräuchlich“ sind, nicht aber, ob sie im römischen Palästina überhaupt bekannt waren. Nicht einmal angedeutet werden die Folgerungen, die Mediziner vereinzelt aus diesem Blutgürtel für die Herztätigkeit des Mannes im Grabtuch ziehen wollten.

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          Der Sorglosigkeit des Texts entspricht die vorwiegend aus Wikimedia gespeiste Bebilderung. In diesem Buch gibt es keine Fotografie des gesamten Grabtuchs, weder im Positiv noch im Negativ, ersatzweise freilich Konterfeis von Paul Gerhardt, Therese von Lisieux oder des Isenheimer Altars. Justinian II. hat offenbar eiförmige Münzen geprägt, und man findet sogar eine alte Zeichnung mit der sensationellen, eigens für dieses Buch erfundenen Unterschrift „Gottfried von Bouillon verehrt das Grabtuch“. Dementsprechend liegt in der Farbkarte „Reisewege des Tuches“ Chambéry ungefähr bei Poitiers, Besançon südlich von Lyon, Pinerolo bei Bologna und das mesopotamische Edessa bei Saloniki.

          Barbara Stühlmeyer und Karl Braun: „Das Turiner Grabtuch“. Faszination und Fakten. Butzon & Bercker Verlag, Kevelaer 2018. 240 S., Abb., geb., 20,– €.

          Manche Abschnitte sind einigermaßen gelungen, besonders wenn sie Spezialisten (wie Christoph Schönborn oder Ian Wilson) folgen. Die originellsten Passagen handeln von der Adaption des Grabtuchstoffs in der Liturgie und dem Volto Santo von Manoppello. Diese beiden Abschnitte, und leider nur sie, stützen sich auf wissenschaftliche Beiträge eines Sammelbands über „das Christusbild“ von 2016. Infolgedessen wird die angebliche Muschelseide in Manoppello als „Medienphänomen“ bezeichnet, das „wissenschaftlich wenig redlich“ sei.

          Dem ist uneingeschränkt beizupflichten: Erst der mediale Hype um die „Wolle des Meeres“, auf der man angeblich nicht malen kann, erhob ein auf feinstem Gewebe beidseits sichtbares Aquarell, mit dem ein Renaissancekünstler seine bravourösen Techniken beweisen wollte, zu einem „zweiten Grabtuch“, welches nicht nur den toten, sondern sogar den auferstandenen Christus zeige.

          Fakten vermischt mit Fiktion

          Hier wie dort gilt: Historische Fragen zu beantworten „ist leicht“, vor allem dann, wenn man sie nicht ernst nimmt, Hypothesen verkürzt und wie Überlieferungen behandelt oder die Quellen aus Unkenntnis in ihr Gegenteil verkehrt. Wie alle anderen Wissenschaftler haben auch diejenigen, die sich mit dem Grabtuch beschäftigen, ihre Faszination hinter die Forschung zu stellen. Selbstverständlich gibt es auf dem unüberschaubaren Literaturmarkt zum Turiner Grabtuch längst Publikationen, die Fakten mit Fiktionen vermengen, und inzwischen sind nicht einmal mehr Grabtuchromane selten. Wer aber aktuelle Sachinformationen verspricht, muss die Grenze zwischen subjektiver Gewissheit und methodisch Erweisbarem klar erkennen lassen.

          Beim Grabtuch gilt dies eher noch in stärkerem Maße. Denn hier ist das im Vorhof der Vernunft gefällte Urteil weitverbreitet, das dann – unter Ausblendung alles Gegenteiligen – zusammensucht, was diesem aprioristischen Wissen entspricht. So absurd dies klingen mag: Eine solche Vorgehensweise hat nicht einmal mit dem Glauben an die Auferstehung Christi etwas zu tun. Denn diesen hat es bereits fast 2000 Jahre vor der photographischen Relevation des Grabtuchs im Jahr 1898 gegeben, und er würde auch angesichts einer völlig gesicherten Datierung des Grabtuchs ins Mittelalter überdauern.

          Die zentrale Bedeutung des Turiner Grabtuchs für heutige Christen zu betonen, wird der Band nicht müde: Es sei Ausdruck des Geheimnisses der Liebe. Warum aber geht das Buch dann häufig so oberflächlich, ja geradezu achtlos mit diesem einzigartigen Relikt um? Wenn es wirklich Jesu Grabtuch und Abbild ist, was die Autoren glauben (und sie glauben auch, dass es nie beweisbar sein wird), müsste man nicht gerade ihm mit besonderer Sorgfalt und Behutsamkeit begegnen? Freilich: Das Zeichen der Sindone di Torino fasziniert jederzeit und selbst jenseits aller Trommelklänge aus Vorurteilen und Halbwahrheiten.

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