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Datenkapitalismus-Sachbuch : Daten sind das Geld der Zukunft

Googles E-Mail-Dienst soll sicherer werden. Bild: Picture-Alliance

Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge formulieren Forderungen für eine digitale soziale Marktwirtschaft. Ihr Buch über den Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus lässt Fragen offen.

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          Daten sollen das Öl des einundzwanzigsten Jahrhunderts sein? Der Vergleich, den Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge in ihrem Buch „Das Digital“ vorschlagen, ist ergiebiger: Der Oxforder Professor für Internet Governance und der Journalist sehen Daten die informationelle Funktion des Geldes einnehmen. Dass in den konventionellen Märkten ein Angebot über den Preis definiert wird, ist für sie nicht mehr als eine „raffinierte Notlösung“, zugleich eine „fundamentale Schwäche“. Durch die Möglichkeit, Angebot und Nachfrage mit detaillierten Präferenzen und Prioritäten, Dringlichkeit und Verfügbarkeit abzugleichen, stehe den Märkten ein Neustart bevor, „der auf Datenreichtum basiert und unsere gesamte Wirtschaft ähnlich tiefgreifend verändern wird wie die industrielle Revolution“; zudem werde er einen „Mehrwert für alle Marktteilnehmer schaffen“.

          Allerdings stünden Verbraucher, Arbeitnehmer, Unternehmen, ganze Wirtschaftsbereiche, die Gesellschaft insgesamt vor tiefgreifenden Umwälzungen. Dass ihr „etwas differenzierteres Zukunftsbild“ dabei „kaum weniger beunruhigend ist“ als die vielbeschworene Vorstellung „eines von Daten getriebenen Turbofinanzkapitalismus mit Massenarbeitslosigkeit durch Automatisierung“, geben Mayer-Schönberger und Ramge zu. Seinen Optimismus verdankt das Buch den eindringlichen politischen Folgerungen und Forderungen, die es beschließen.

          Auch im „Digital“ stehen die großen Datensammler wie Google, Facebook und Amazon im Fokus eines Schreckensszenarios, allerdings nicht wegen ihrer vielbeschworenen Möglichkeit zur Datenanalyse einzelner Nutzer. Mayer-Schönberger und Ramge sehen in ihnen vielmehr „Superstar-Firmen mit explodierenden Profiten, die ihr Geschäft auf Kosten von Arbeit, Kapital und gesamtwirtschaftlicher Innovation betreiben, obwohl sie selbst hochinnovativ erscheinen.“

          Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge: „Das Digital“. Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus. Econ Verlag, Berlin 2017. 304 S., geb., 25,– .

          Angesichts der Datenmengen, mit denen die Superstars ihre künstliche Intelligenz trainieren können, bräuchten Newcomer kaum mehr zu hoffen, „den Platzhirschen ernsthafte Konkurrenz zu machen – ihre Produkte lernen zu langsam dazu“. Datenreiche Märkte wären „höchst anfällig für eine gefährliche Konzentration von Entscheidungsmacht und Kontrolle“, die ihrerseits die Robustheit dieser Märkte gefährde. Und noch mehr: „Auf dem Spiel stehen nicht nur die Freiheit der Menschen, auf datenreichen Märkten informiert zu entscheiden, sondern vielmehr die Existenz unserer offenen Gesellschaft.“

          Als Ausweg schlagen Mayer-Schönberger und Ramge eine progressive Daten-Sharing-Pflicht vor – prozentual nach Marktanteil des jeweiligen Unternehmens, wobei die Daten zufällig ausgewählt werden müssten. Das ist für die Verfasser einer von drei Eckpfeilern einer „digitalen sozialen Marktwirtschaft“. Zudem müssten „die gewaltigen Profite der Superstar-Firmen“ viel effektiver besteuert werden: „Ihr Geld fehlt in einer Zeit, in der sowohl die Lohn- als auch die Kapitalquote zurückgehen.“ Schließlich schlagen sie Steuervorteile beim Einsatz menschlicher Arbeitskraft vor, „damit Unternehmen einen Anreiz haben, innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln, bei denen Menschen den Mehrwert schaffen können“.

          Drei Schlüsseltechnologien für die Entwicklung datenreicher Märkte haben Mayer-Schönberger und Ramge ausgemacht: den Datenabgleich von Angeboten und Präferenzen, die Ermittlung des idealen Transaktionspartners und Verfahren zum Erkennen auch unserer „uns manchmal selbst nicht bewussten“ Präferenzen – ein digitales Entscheidungsassistenzsystem, das uns sogar ähnlich werden könnte. Es wüsste selbst, ob wir das wollten.

          Aus der Flughöhe des Buchs sehen alle Menschen gleich aus. Was schützt jene, die nicht souverän mit den Entscheidungsassistenten der Zukunft umzugehen wissen, vor Bevormundung? Wie können wir sicher sein, dass die Programme tatsächlich in unserem Interesse handeln? Wie kann auch nur annähernd Informationssymmetrie gewährleistet werden, was könnte das minutiöse Tracking der Nutzer, Kunden, Verbraucher auf der Anbieterseite ausgleichen – und wie können wir sichergehen, dass diese Daten dem Markt auch wirklich zur Verfügung stehen? Die flexible Preisgestaltung jedenfalls, die uns von Tankstellen bekannt ist und auch die Supermärkte erreicht, weist in eine aus Verbrauchersicht wenig ermutigende Richtung. Mayer-Schönberger und Ramge lassen diese Fragen offen.

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