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Historiker über Nationalismus : Die alten Traditionen der neuen Rechten

Fremdenfeindliche Bündnisse wie Pegida sind der Grund, warum Historiker sich auch tagespolitisch engagieren. Bild: dpa

Nicht immer scharf gedacht, aber erfreulich engagiert: Vier Historiker mischen sich ein und schreiben mit vereinten Kräften eine Polemik gegen den neuen Nationalismus.

          Herauszufinden, „wie es eigentlich gewesen“ ist, so beschrieb Leopold von Ranke einst die genuine Aufgabe des Historikers. Aktuelle politische Tagesfragen gehören demnach nicht zu seinem Geschäft. Von diesem strengen Diktum abzuweichen gehört mittlerweile zum guten Ton vieler Historiker, die sich, so scheint es, bereitwillig von der allgemeinen Politisierungswelle anstecken lassen.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Dazu zählen auch Norbert Frei, Franka Maubach, Christina Morina und Maik Tändler. Gemeinsam haben sie ein Buch geschrieben, das im doppelten Sinne des Wortes „zur rechten Zeit“ kommen will und schon im Titel ihr Sendungsbewusstsein ausdrückt: „Wider die Rückkehr des Nationalismus“. Der selbstgewählte Auftrag ist damit umrissen. Die Autoren schreiben gegen ein Phänomen der Gegenwart an: die erstarkende nationalistische, rechtspopulistische Bewegung. Bloß situativ soll die Analyse nicht ausfallen, und das kann sie, glauben die Autoren, kraft ihrer historischen Verortung auch gar nicht – im Unterschied zu den Sozialwissenschaften.

          Kritisch wäre hier schon zu fragen, wie eine Gegenwartsanalyse denn anders als situativ sein kann. Denn das, was jetzt ist, können selbst Historiker nicht historisieren. Ähnlich ungenau ist die darauf folgende Feststellung, die derzeit dominante Form nationalistischer Politik sei der Populismus. Gibt es eine nationalistische Politik, die nicht populistisch ist?

          Gegen den „Vereinigungsrassismus“

          Ungeachtet dieser punktuellen Unschärfe gelingt es den Historikern aber, die Geschichte der rechten Bewegung in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkrieges bis heute kurz und bündig nachzuerzählen. Keine rechte Ideologie, auch das zeichnen die Autoren nach, ist in diesem Land denkbar, ohne auf die deutsche NS-Vergangenheit und die Phasen ihrer Aufarbeitung Bezug zu nehmen. Die Autoren wählen dabei eine gesamtdeutsche Perspektive, die nicht bloß, wie sonst häufig, die westdeutsche Vergangenheitspolitik in den Blick nimmt, sondern sich auch kritisch mit dem postulierten Antifaschismus der DDR auseinandersetzt. Sie verabschieden sich von der verbreiteten Manier, die Geschichte der Bundesrepublik als reine Erfolgsgeschichte zu erzählen und die Ursachen rechter Denktraditionen vor allem im Osten des Landes zu suchen. Folgerichtig sprechen sie dann auch von „Vereinigungsrassismus“.

          Sichtbar wird mit diesem Längsschnitt durch die jüngere deutsche Geschichte, dass viele Methoden und Themen der radikalen Rechten eine lange Tradition haben und nicht, wie man angesichts aktueller Streitthemen wie der „Flüchtlingskrise“ seit 2015 annehmen könnte, ein bloßes Produkt unserer Zeit sind. Die Medienschelte etwa war schon in den sechziger Jahren ein beliebtes Kampfmittel, wenn auch nicht unter dem Begriff der „Lügenpresse“. Der mit diffusen Heimatgefühlen aufgeladene Begriff der Identität erfreut sich in Kreisen der Neuen Rechten schon seit Jahrzehnten ungebrochener Beliebtheit. Dass eine Große Koalition das Erstarken der politischen Ränder begünstigt, ließ sich ebenfalls schon vor nun bald sechzig Jahren beobachten, und nicht die unter Strafe gestellte Leugnung, aber doch die Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen ist ein Motiv, das nicht erst die AfD in die Schlagzeilen gebracht hat.

          Was nützt historisches Wissen?

          Sich all das in Erinnerung zu rufen ist durchaus interessant, und doch lässt dieser Zugriff zwei zentrale Einwände außer acht. Vergeblich sucht man in dem Buch wirklich neue Erkenntnisse. Die gesamtdeutsche Perspektive ist klug gewählt – aber was ist darüber hinaus nicht längst bekannt? Zu sagen, die Bewegungen von heute seien ohne ihre Vorgeschichte nicht zu verstehen, reicht für die Behauptung einer neuen Perspektive nicht aus, wenn die Vorgeschichte doch eigentlich hinlänglich bekannt ist. Das führt zum zweiten Problem des Buches. Es ist fraglich, ob der hier gewählte Ansatz richtig ist, nach dem historische Kenntnis zur Lösung aktueller Probleme beitrage. Was nützt uns das historische Wissen, wenn es etwa darum geht, den wachsenden Zulauf zur AfD zu unterbinden? Denn genau das ist ja das Ziel der Autoren: die Rückkehr zum Nationalismus auf dem Weg eines „kontextualisierten und tiefenscharfen“ historischen Erkennens zu verhindern. Zweifel sind angebracht, ob es überhaupt Aufgabe der Historiker ist, auf eine politische Haltung derart erzieherisch hinzuwirken, selbst wenn sie keine expliziten Handlungsempfehlungen aussprechen und, wie die Autoren, sogar bestreiten, eine „Streitschrift“ vorgelegt zu haben.

          So plausibel es auch ist, historische Kontinuitäten der Neuen Rechten freizulegen, so sehr verliert das Buch immer dann, wenn die moralisierende Absicht der Autoren zu sehr durchscheint. Besonders entbehrlich ist die Sortierung in Gut und Böse, die sie im Schlusskapitel implizit vornehmen. Natürlich stehen sie auf der Seite der Guten, und natürlich ist alles, was in die Nähe von Rechtspopulisten gerät, das Böse. Das mag ja moralisch sogar so sein – aber es erklärt, und das ist für ein wissenschaftliches Buch durchaus problematisch, nichts. Wenn die Autoren am Ende dann auch noch pathetisch die Rückkehr zum Verfassungspatriotismus ausrufen, wirkt das fast schon altbacken. Auf diese Weise verfehlt dieses gutgemeinte und in der historischen Darstellung eigentlich gelungene Buch sein Ziel.

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