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Moralismus : Der Terror der guten Gesinnung ist schnell angeprangert

  • -Aktualisiert am

Ein „besonders schwerer Fall rigider Lebensfeindlichkeit“: der Philosoph Immanuel Kant Bild: Picture-Alliance

Wo Prinzipien für Auseinandersetzungen sorgen: Ein Sammelband versucht sich an der Klärung der Frage, wie weit der Vorwurf des Moralismus trägt.

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          Moral, so ist in den letzten Jahren in Publikationen vor allem von Philosophen und Soziologen zu lesen, die im politischen Spektrum eher als konservativ gelten, sei die neue Religion. In einer Gesellschaft, die sich selbst als aufgeklärt und vorurteilsfrei verstehe, triumphiere die vermeintlich gute Gesinnung über die Urteilskraft, nämlich die Fähigkeit, komplexe Probleme nüchtern zu diskutieren und zu lösen, ohne Andersdenkende als unwissend, egoistisch oder böswillig zu disqualifizieren. Moral verkomme zur Feier der eigenen Vortrefflichkeit. Den so Gescholtenen wird vorgehalten, sie argumentierten moralistisch. Ein Vorwurf, der gerne wenig verändert zurückgegeben wird. Die Fragen liegen da auf der Hand: Was unterscheidet Moralismus von berechtigter moralischer Kritik? Gibt es verschiedene Formen moralistischer Rhetorik? Neigen bestimmte Richtungen der Moralphilosophie zu Moralismus?

          Nun ist ein Band mit Aufsätzen erschienen, die diese Fragen aus philosophischer, politischer und psychologischer Perspektive zu beantworten suchen. Behandelt werden auch aktuelle Aspekte der Moralismus-Debatte in Medien und Publizistik, zu Veganismus, der Höhe von Managementgehältern, zu Migration und Flüchtlingen, zu Online-Medien.

          Mangelhafte Aufgeschlossenheit für die Nöte anderer

          Das Wort „Moralist“ ist vieldeutig, wird nicht nur in politischen Auseinandersetzungen selten wertneutral und fast immer abwertend verwendet, anders als lange Zeit im Englischen und Französischen. Ein Moralist ist im Deutschen, wer andere mit erhobenem Zeigefinger belehrt, was geboten und vor allem verboten sei. Auch Fanatismus, Hysterie, Prinzipienreiterei, Tugendterror sind beliebte Vorwürfe. Aber nicht nur die Form der Kritik wird moniert: Ein Moralist klage dort Moral ein, wo es besser wäre, sich eines moralischen Urteils zu enthalten, da ansonsten die Freiheit der individuellen Entscheidung bedroht sei. So seien Ernährung und Fleischkonsum moralisch neutral – eine zumindest fragwürdige Behauptung, der nicht nur überzeugte Vegetarier oder Veganer angesichts der Massentierhaltung widersprechen werden.

          Wenn aber nur noch darüber gestritten wird, ob überhaupt ein moralisches Problem vorliegt, wird, wie Oliver Hallich in seinem „Explikationsvorschlag“ zeigt, der ohnehin schillernde Moralismusbegriff unscharf. „Es gibt dann nur noch berechtigte oder unberechtigte moralische Kritik, und jede Auseinandersetzung über Moralismus kann von vorneherein als eine inhaltliche Auseinandersetzung über die Berechtigung oder Begründbarkeit moralischer Urteile geführt werden. Das Problem des Moralismus verschwindet.“ Doch bei dieser ebenso simplen wie eleganten Lösung eines vermeintlichen Scheinproblems wird, so Hallich, übersehen, dass gemeinhin nicht abwegige oder exzentrische Meinungen als moralistisch bezeichnet werden, sondern die Art und Weise, wie diese Überzeugungen vorgetragen werden. Nicht das Urteil selbst sei falsch, moralistisch sei die Begründung, wenn etwa soziale Konventionen zu moralischen Pflichten erhoben würden, denen jeder zu gehorchen habe.

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