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Buchkritik : Verlustmeldung in die Berggasse

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Die weltberühmte Couch in Freuds Arbeitszimmer Bild: AP

Am 6. Mai wäre Sigmund Freud hundertfünfzig Jahre alt geworden. Aus den Geburtstagsbüchern ragen zwei heraus, die auf ganz unterschiedliche Weise daran festhalten, daß wir den wunderlichen Wiener Doktor nicht verlorengeben sollten.

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          Zahlreiche Begriffe aus seinem Repertoire (wie „Verdrängung“) sind uns heute selbstverständlich - und sind uns doch unangenehm, weil sie an einer längst dahingegangenen Zeit kleben wie tote Fliegen am Klebeband:

          Sigmund Freud wurde am 6.Mai 1856 in einem mährischen Städtchen geboren, kam 1860 mit der Familie nach Wien und hat dann große und überraschende Theorien über den Menschen (man denke nur an „Das Ich und das Es“ und den dort geschilderten Kampf der menschlichen Urgewalten) und, damit nicht genug für den sehr strebsamen Bewohner der k. u. k. Monarchie, große und überraschende Theorien über die Menschheit aufgestellt (man denke nur an „Totem und Tabu“ und die dort geschilderte Ermordung des Urhordenvaters durch die Urhordensöhne). Wie aber kriegt man nun heute wieder Schwung in den alten Freud?

          Eine Idee im Laufrad der Welt

          Wer lange mit Ideen zugange gewesen ist, den mag irgendwann die Lust überkommen, den Ideen schöne Beine zu machen und sie in das Rad der Welt zu setzen und sie dort mit ihren schönen Beinen laufen zu lassen. Das sieht dann so aus, als würden die Ideen das Rad der Welt antreiben - als würden sie ihren Teil dazu beitragen, daß sich das Rad der Welt dreht. Eine Idee im Laufrad der Welt gewinnt an Macht, Bedeutung und an Ansehen - sie rotiert.

          Der Kultur- und Wissenssoziologe Eli Zaretsky hat den alten bleichen Freud und dessen schwergewichtige Theorien in dieses Laufrad hineingestellt. Er beschreibt die Ideen Freuds und verfolgt vor begrifflichen und psychosozialen Panoramen deren Rezeption und Kritik durch Analytiker in Europa und vor allem in den Vereinigten Staaten - darunter Wilhelm Reich, Alfred Adler, Melanie Klein, Karen Horney, Heinz Kohut, Jacques Lacan und Herbert Marcuse. Wer nichts aus eigener Lektüre kennt, der kommt also mit diesem Buch ein gutes Stück voran - und sieht zum Beispiel: Die Achtundsechziger haben aus der Freudschen Theorie vor allem ein Pülverchen für ihre Kulturkritik gemacht. Sie waren weniger am einzelnen und seiner gefalteten Seele interessiert, sondern mehr an einer Kulturpolitik, die dem Individuum unter die Arme griff und ihm größere Gestaltungsmöglichkeiten für sein Leben versprach.

          Die Wolken vom siebten Himmel vertreiben

          Mit dem Psychojargon haben die Rebellen die Wolken vom siebten Himmel vertreiben wollen. Damals, als man die Familie verachten lernte (die Frankfurter Schule erklärte, daß die bürgerliche Familie patriarchalisch gebaut sei, daß in ihrem Kreis die Autoritätshörigkeit geübt werde und daß sie auf diese Weise dem Führerprinzip zuarbeite) - damals, als man neue Lebensformen (Kommune, variantenreiche Paarbeziehungen) probte, hatte die Psychoanalyse das letzte Mal mit den Flügeln geflattert und einen kräftigen Aufwind erhalten.

          Diese letzte Generation von Freud-Lesern landete mit ihren Vorstellungen, so Zaretsky, „ohne sich dessen gewahr zu werden, bei ebenden gruppenorientierten Theorien, die die Psychoanalyse verdrängten“. (Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter taucht mit seinen populären Büchern „Eltern, Kind und Neurose“, 1969, und „Lernziel Solidarität“, 1979, bei Zaretzky nicht auf.)

          Ein ganzes Bündel bewahrenswerter Einsichten

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