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Klaus Theweleits neues Buch : Gehirnsprung ins neue Zeitalter

  • -Aktualisiert am

Was hat die Gehirnforschung zum Thema Kolonialismus beizutragen? Pocahontas und John Smith, Lithografie um 1870. Bild: Picture-Alliance

Zuletzt muss die Neurowissenschaft herhalten: Klaus Theweleit vollendet sein ambitioniertes „Pocahontas“-Projekt zum Kolonialismus, formuliert dabei aber eine windige Großthese.

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          Was ist Kolonialismus? Landnahme, gewiss, und zwar, wie Klaus Theweleits „Pocahontas“-Projekt seit 1999 mit überzeugenden Argumenten ausführt, idealiter über den Körper von Königstöchtern: Vergewaltigung also, zunächst konkret, dann politisch. Kolonialismus aber ist für den Freiburger Kulturtheoretiker, der die Assoziation zu seinem wichtigen Erkenntnisinstrument erhoben hat, noch viel mehr: eine Lebensform, ubiquitär anzutreffen, wenn man genau genug hinsieht. In allen Winkeln unserer Kultur macht er verschwiegene Kontinuitäten und psychologische Muster dingfest.

          Auch der „Pocahontas“-Abschlussband, der aufgrund des Konkurses von Theweleits Hausverlag Stroemfeld jetzt bei Matthes & Seitz erschienen ist, birst beinahe vor faszinierenden kulturtheoretischen Überlegungen, etwa zum antiken Bronzeguss mit der verlorenen Form, zum Schiffsbau der Griechen, zur Perspektive-Revolution in der Malerei oder zum Vom-Himmel-Holen des göttlichen Blicks durch Kartographen des sechzehnten Jahrhunderts. All das begegnet, wie üblich bei diesem Autor, im schönsten Pop-Sound und wird begleitet von klug ausgewählten, wiederum assoziativ mit dem Gesagten in Verbindung stehenden Abbildungen.

          Da sich der Vielleser Theweleit nicht scheut, ausführlich aus Büchern und Zeitungsartikeln zu zitieren, wächst sich sein Buchprojekt zu einer gar nicht so kurzen Geschichte von fast allem aus. Anders als in den drei Vorgängerbänden geht es diesmal jedoch kaum um die legitimatorischen Beziehungen von Politik und (Sieger-)Mythologie – in der neuzeitlichen Variante: Literatur – , also um die blinden Flecken in der Kolonialgeschichtsschreibung, sondern um eine Analyse in Maximaldistanz zum Gegenstand. Dafür lässt sich der Autor stärker als zuvor – und letztlich unglücklich – auf eine gefräßige Generalthese ein. Doch der Reihe nach.

          Technologischer Vorteil dank „Akten-König“

          Bereits der Titel „Warum Cortés wirklich siegte“ impliziert, dass für den Autor weder die neuartige Feuerkraft der Eroberer noch die Legende, die Azteken hätten in den spanischen Konquistadoren Götter gesehen, hinreichende Erklärungen für die Unterwerfung des südamerikanischen Kontinents darstellen. Zwei größere Antwortkomplexe führt Theweleit ins Feld, beide der Literatur entnommen. Zum einen handelt es sich um die These, es seien eingeschleppte Haustierviren gewesen, die einen Großteil der indigenen Population hinwegrafften, während die Europäer in Jahrtausenden der Haustierdomestikation spezielle Immunitäten entwickelt hätten.

          Kolonialismus ist eine Lebensform: Klaus Theweleit in seinem Arbeitszimmer.
          Kolonialismus ist eine Lebensform: Klaus Theweleit in seinem Arbeitszimmer. : Bild: Picture-Alliance

          Für Theweleit ist das aber nur der Einstieg. Den größten Raum seines Buches nimmt die zweite Antwort auf die Leitfrage ein. Sie deckt sich in groben Zügen mit dem Postulat eines technischen Apriori durch den Berliner Kulturwissenschaftler Friedrich Kittler und seine Schule. Demnach hat insbesondere die technologische Überlegenheit der Europäer nach 1600 zur Unterjochung und Ausplünderung entfernter Reiche und Kulturen geführt. Dieser technologische Vorteil wird hier nicht nur in großer Detailkenntnis zusammengestellt – ein ganzes Kapitel widmet sich etwa den neuen Verwaltungsmechanismen im Spanien des „Akten-Königs“ Philipp II. –, sondern auch historisch weit zurückverfolgt. Technologische „Sprünge“ im eurasischen Kulturkreis seien nach der Domestikation des Pferdes um 4000 vor Christus etwa die Metallschmelze, der Schiffsbau, das griechische Vokalalphabet, die Linearperspektive („Geometrisierung des Raums“), die Vermessung der Welt in Planquadraten oder die modulare Arbeitsorganisation. Der Autor stellt die interessante Frage, ob sich Verwerfungen ergeben, wenn Kulturen, die nicht den langen Weg der Technologieeinübung genommen haben, sich in einer globalisierten Moderne behaupten müssen, in welcher der eurasische Standard weltweit gilt.

          Als grundlegende Verfahren im Zentrum dieser potenten mathematisch-technischen Welterfassung, die letztlich ins mediale Zeitalter münde, macht Theweleit „Segmentierung“ und „Sequenzierung“ aus – die sich dann dank ihrer metaphorischen Offenheit bis zum Überdruss allüberall wiederfinden lassen.

          Foucault-Nomade im Algorithmen-Sandsturm

          An dieser Stelle kommt die windige Großthese ins Spiel, die aus den erfolgreich perfektionierten Kulturtechniken des Zerlegens und eines Reihen bildenden Neuzusammensetzens einen knallharten evolutionsbiologischen Determinismus macht. Im flotten Rückgriff auf „die Hirnforschung“ geht der Autor davon aus, dass den technologischen Sprüngen „Gehirnsprünge“ zugrunde lägen. Anatomisch seien zwar alle Gehirne gleich, aber gesellschaftlich keineswegs, denn die lange Stimulation bestimmter Synapsenverschaltungen führe zu einer veränderten, in diesem Fall: leistungsfähigeren Hirnstruktur, die weitergegeben werde. Das Segmentieren und Sequenzieren hätte sich also seit 14.000 Jahren in die Hirne der Eurasier immer tiefer eingefräst.

          Abgesehen von den schwachen Grundlagen für diese These, die Hirnkapazitäten, Vererbung und Kulturentwicklung miteinander verknüpft, bleibt die Frage, was mit ihr eigentlich bezweckt wird. Musste demnach alles, wenn nur einmal die Sphären vermischt waren, so kommen, wie es kam? Siegte Cortés, weil ‚die Primitiven‘ hirntechnisch unterlegen waren? In einer solchen kulturmorphologischen Perspektive ist kein Platz für die Frage, worin die Azteken europäischen Zivilisationen überlegen waren, wie etwa bei der Stadtorganisation, der Bewässerung oder in Hygienefragen. Das zivilisatorische Gefälle ist apriorisch definiert.

          Unterstrichen wird das dadurch, dass dem bekennenden Antikolonialisten Theweleit angesichts indianischer Malerei in praller Eurozentrik das Wort „Kinderzeichnungen“ herausrutscht („so wie etwa 8- bis 10-Jährige zeichnen“). Und die eindrucksvolle Architektonik der Sonnenvölker („ob Pyramiden, ob aztekische Monster-Sakralbauten“) wird als „Gigantismus“ abqualifiziert, als simples Aufhäufen von Sand und Gestein durch zahllose Sklaven, zu dem auch magisch-religiös strukturierte „Gesellschaften mit kaum entwickelten technologischen Potentialen“ in der Lage seien. Das ist kultureller Paternalismus pur.

          Im letzten Drittel des Buches, in dem die Segmentier-Hypothese etwas unbeholfen mit modernen Ich-Fragmentierungen abgeglichen wird – im vergangenen Jahrhundert eine psychotische Erfahrung, heute angeblich gängige Praxis –, zerfasert die Argumentation dann vollends, bis sie sich in leeres Pathos flüchtet: „Wir sind eingetreten ins Zeitalter der Gleichzeitigkeit sowohl aller Zeiten wie aller Dinge, aller gewesenen wie aller ‚zukünftigen‘.“ Das ist einerseits banal, in Bezug auf digitale Speicherkapazitäten und Künstliche-Intelligenz-Pläne, und andererseits schlichtweg Quatsch. Sich zum Künder eines neuen, womöglich letzten „Gehirnsprungs“ aufzuschwingen, ist jedenfalls kein würdiges Finale für das im Kern literaturwissenschaftliche und darin auch überzeugende „Pocahontas“-Projekt. Theweleit hat die Kultur aus 14.000 Jahren höchst lesenswert in ihre Bestandteile segmentiert, aber dann bekommt er sie nicht mehr sinnvoll zu einer Reihe zusammengesetzt, sondern geht wie ein verirrter Foucault-Nomade im Algorithmen-Sandsturm verloren.

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