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Klaus Theweleits neues Buch : Gehirnsprung ins neue Zeitalter

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Als grundlegende Verfahren im Zentrum dieser potenten mathematisch-technischen Welterfassung, die letztlich ins mediale Zeitalter münde, macht Theweleit „Segmentierung“ und „Sequenzierung“ aus – die sich dann dank ihrer metaphorischen Offenheit bis zum Überdruss allüberall wiederfinden lassen.

Foucault-Nomade im Algorithmen-Sandsturm

An dieser Stelle kommt die windige Großthese ins Spiel, die aus den erfolgreich perfektionierten Kulturtechniken des Zerlegens und eines Reihen bildenden Neuzusammensetzens einen knallharten evolutionsbiologischen Determinismus macht. Im flotten Rückgriff auf „die Hirnforschung“ geht der Autor davon aus, dass den technologischen Sprüngen „Gehirnsprünge“ zugrunde lägen. Anatomisch seien zwar alle Gehirne gleich, aber gesellschaftlich keineswegs, denn die lange Stimulation bestimmter Synapsenverschaltungen führe zu einer veränderten, in diesem Fall: leistungsfähigeren Hirnstruktur, die weitergegeben werde. Das Segmentieren und Sequenzieren hätte sich also seit 14.000 Jahren in die Hirne der Eurasier immer tiefer eingefräst.

Abgesehen von den schwachen Grundlagen für diese These, die Hirnkapazitäten, Vererbung und Kulturentwicklung miteinander verknüpft, bleibt die Frage, was mit ihr eigentlich bezweckt wird. Musste demnach alles, wenn nur einmal die Sphären vermischt waren, so kommen, wie es kam? Siegte Cortés, weil ‚die Primitiven‘ hirntechnisch unterlegen waren? In einer solchen kulturmorphologischen Perspektive ist kein Platz für die Frage, worin die Azteken europäischen Zivilisationen überlegen waren, wie etwa bei der Stadtorganisation, der Bewässerung oder in Hygienefragen. Das zivilisatorische Gefälle ist apriorisch definiert.

Unterstrichen wird das dadurch, dass dem bekennenden Antikolonialisten Theweleit angesichts indianischer Malerei in praller Eurozentrik das Wort „Kinderzeichnungen“ herausrutscht („so wie etwa 8- bis 10-Jährige zeichnen“). Und die eindrucksvolle Architektonik der Sonnenvölker („ob Pyramiden, ob aztekische Monster-Sakralbauten“) wird als „Gigantismus“ abqualifiziert, als simples Aufhäufen von Sand und Gestein durch zahllose Sklaven, zu dem auch magisch-religiös strukturierte „Gesellschaften mit kaum entwickelten technologischen Potentialen“ in der Lage seien. Das ist kultureller Paternalismus pur.

Im letzten Drittel des Buches, in dem die Segmentier-Hypothese etwas unbeholfen mit modernen Ich-Fragmentierungen abgeglichen wird – im vergangenen Jahrhundert eine psychotische Erfahrung, heute angeblich gängige Praxis –, zerfasert die Argumentation dann vollends, bis sie sich in leeres Pathos flüchtet: „Wir sind eingetreten ins Zeitalter der Gleichzeitigkeit sowohl aller Zeiten wie aller Dinge, aller gewesenen wie aller ‚zukünftigen‘.“ Das ist einerseits banal, in Bezug auf digitale Speicherkapazitäten und Künstliche-Intelligenz-Pläne, und andererseits schlichtweg Quatsch. Sich zum Künder eines neuen, womöglich letzten „Gehirnsprungs“ aufzuschwingen, ist jedenfalls kein würdiges Finale für das im Kern literaturwissenschaftliche und darin auch überzeugende „Pocahontas“-Projekt. Theweleit hat die Kultur aus 14.000 Jahren höchst lesenswert in ihre Bestandteile segmentiert, aber dann bekommt er sie nicht mehr sinnvoll zu einer Reihe zusammengesetzt, sondern geht wie ein verirrter Foucault-Nomade im Algorithmen-Sandsturm verloren.

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