https://www.faz.net/-gr3-9e3xd

Foers Buch „Welt ohne Geist“ : Die Hippies sind schuld

  • -Aktualisiert am

Die frühe Mikrocomputer-Revolution wurde von Stephen Wozniak, Steve Jobs und weiteren Akteuren im Umfeld des Homebrew Computer Clubs im kalifornischen Menlo Park so richtig in Schwung gebracht und ideologisch robust in der Gegenkultur ihrer Zeit verankert. Bild: Picture-Alliance

Wütend und ziemlich ratlos: Der Journalist Franklin Foer arbeitet sich an den Riesen von Silicon Valley ab.

          Trau niemals einem Hippie!“ Dieser Slogan der Punk-Bewegung könnte auch als Motto des Buchs „Welt ohne Geist“ von Franklin Foer durchgehen. Für ihn ist nämlich Stuart Brand, kalifornisches Blumenkind par excellence, Schuld am Aufstieg des Internets und damit auch am Oligopol von Amazon, Google und Facebook. Brand nämlich sei es gewesen, so Foer, der den Ingenieuren im Silicon Valley beigebracht habe, den Computer mit Hilfe der Hippie-Ideologie als Instrument individueller Befreiung zu vermarkten.

          Das ist etwas zu viel der Ehre für den rührigen Unternehmer Brand, denn die frühe Mikrocomputer-Revolution wurde von anderen Freigeistern wie Stephen Wozniak, Steve Jobs und weiteren Akteuren im Umfeld des Homebrew Computer Clubs im kalifornischen Menlo Park so richtig in Schwung gebracht und auch ideologisch robust in der Gegenkultur ihrer Zeit verankert. Stuart Brands wirklich wichtigen Beitrag zur Kulturgeschichte vernetzter Computer, nämlich die Mitgründung der Mailbox „Whole Earth Lectronic Link“ alias The WELL im Jahr 1985, erwähnt Foer hingegen nicht, obwohl er diese Mailbox hervorragend für seine These vom Kulturverfall durch computervermittelte Kommunikation hätte instrumentalisieren können.

          Dieses Versäumnis ist leider symptomatisch für Foers Buch. Er erkennt bestimmte Tendenzen in der technisch-kulturellen Entwicklung der vergangenen sechzig Jahre durchaus korrekt, schafft es aber oft nicht, sie in einen systematischen Zusammenhang zu bringen und stringent zu kritisieren. Das mag damit zu tun haben, dass sein Buch, zumindest indirekt, das Produkt einer Kränkung ist. Foer amtierte von 2006 bis 2014 als Redaktionsleiter der traditionsreichen amerikanischen Politikzeitschrift „The New Republic“, die 2012 von Christopher „Chris“ Hughes übernommen worden war, einem ehemaligen Zimmergenossen von Mark Zuckerberg in Harvard und Mitgründer des sozialen Netzwerks Facebook.

          Dokument der Ratlosigkeit

          Hughes war es, der Foer als Chef des Blatts absetzte. Doch selbst mit seinen beträchtlichen Finanzmitteln und seinem Facebook-Insiderwissen war es nicht möglich, die „New Republic“ in kurzer Zeit auf die gewünschte Flughöhe zu bringen und fit fürs Netz zu machen. Hätte Foer sein Buch schonungslos auf diesen Neustart bezogen, die Reibungsflächen zwischen den traditionellen Medien und Facebook präzise beschrieben, hätte es ein Text werden können, aus dem interessante Erkenntnisse über den Kulturkampf zwischen „Onlinern“ und traditionellen Magazinjournalisten zu gewinnen gewesen wären.

          Schon 2016 verkaufte Hughes die „New Republic“ wieder. Foer arbeitet nun beim Magazin „The Atlantic“, aber an der Gesamtsituation der Medienbranche hat sich in dem Zeitraum, den er beschreibt, nichts geändert. Geld, Macht und Prestige der traditionellen Medien schwinden, während sich das Oligopol der großen Online-Plattformen stetigen Wachstums erfreut.

          Dass die Krise sich nun auch in den höheren Sphären der amerikanischen Medien nicht mehr durch rituelles Abhalten von Zukunftskongressen besänftigen lässt, macht Foer wütend und sein Buch zu einem validen Zeitdokument der Ratlosigkeit. Seine Argumentationslinie ist aus zahlreichen anderen Analysen bekannt: Google, Amazon und Facebook setzen ihre Marktmacht ein, um die traditionellen Massenmedien zu unterwerfen und ihnen die ökonomische Basis zu entziehen. Ihre Steuern optimieren sie mit legalen aber finsteren Tricks, ihre Software, mit der sie die Informationen ihrer Subjekte verwalten, ist eine Black Box.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nachfolge für von der Leyen : Eine Überraschung namens AKK

          Noch am Dienstag waren sich in Berlin alle sicher, den Nachfolger Ursula von der Leyens im Verteidigungsministerium zu kennen: Jens Spahn. Doch ein Telefonat zwischen Kanzlerin und CDU-Vorsitzender änderte alles.

          Made in Space : Eine Fabrik im Weltraum

          Die Vereinigten Staaten wollen zurück zum Mond. Dabei sollen private Unternehmen helfen. Ein Partner der Raumfahrtbehörde Nasa ist auf 3D-Druck im All spezialisiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.