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Digitale Medizin : Welche Umbrüche auf das Gesundheitssystem zukommen

  • -Aktualisiert am

Ärzte werden nicht überflüssig, aber sie werden in Zukunft anders tätig sein. (Symbolbild) Bild: AFP

Neue Technologien sollen das Gesundheitswesen, gleich einer digitalen Pille, vor dem Kollaps retten. So faszinierend das auch sein mag, der kritische Blick fehlt.

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          Wer länger lebt, ist länger krank. Langlebigkeit ist die Wurzel der finanziellen Misere des Gesundheitswesens. Wie wir gerade schmerzlich erfahren, sind die übertragbaren Krankheiten längst nicht ausgestorben. Doch haben die Autoren des vorliegenden Bandes schon recht: Es sind die chronischen, nicht übertragbaren Krankheiten, an denen selbst in Zeiten der Pandemie die Mehrzahl der Menschen leidet. Diabetes, Krebs, Herzkrankheiten, Atemwegserkrankungen sind die großen Themen der Medizin. Im Falle der Krebserkrankungen sprechen Experten von einem Tsunami, der das Gesundheitswesen zu ertränken droht. Immer mehr Menschen erreichen ein Alter, in dem sie ihren Tumor noch erleben.

          Das Autorenteam, ein Pharmamanager, zwei Professoren für Management mit den Schwerpunkten Technologie und Marketing, unterstützt von einer Doktorandin, laden ein zu einer Reise in die Zukunft des Gesundheitswesens. Die neuen digitalen Technologien sollen es, gleich einer digitalen Pille, vor dem Kollaps angesichts explodierender Kosten retten.

          Eine unbemannte „Mini-Klinik“

          Jedem der Kapitel stellen die Autoren Thesen voran, wobei nicht alle diesen Namen verdienen. So werden auch empirische Befunde als These deklariert. Im ersten Teil wird das Dilemma der heutigen Medizin rekapituliert, das schnurstracks in die Fortschrittsfalle führt. Die großen, schon erwähnten Killer-Krankheiten werden erklärt. Tabakrauchen und Bewegungsmangel sind schlecht. Wer seine „Apotheken-Rundschau“ gelesen hat, kann das – wie von den Autoren selbst angeraten – überspringen.

          Wie digitale Technologien die Praxis der Medizin verändern, vermutlich in naher Zukunft revolutionieren werden, wird anhand einer Liste von „Wirkmustern“ digitaler Anwendungen beleuchtet. Sie reicht von der Selbstberatung im Internet über digitale Arzthelfer und Zeit wie Personal sparende Konsultation in einer unbemannten „Mini-Klinik“ bis zur kompletten Aufzeichnung aller Lebensäußerungen von Personen durch Wearables.

          Das ist faszinierend. Röntgenärzte müssen keine Bilder, Hautärzte keine Leberflecken begutachten. Algorithmen Künstlicher Intelligenz vermögen das exakter und zudem rascher. Dem Leser wird eine Fülle von Apps, digitalen Einrichtungen, Plattformen und anderem mehr vorgestellt. Ärzte werden nicht überflüssig, aber sie werden anders tätig sein, prognostizieren die Autoren. Mehr Zeit für die Patienten, tätig werden erst dann, wenn die Kranken eine helfende Hand benötigen.

          Die Autoren sind vom bevorstehenden Wandel der Medizin derart euphorisiert, dass der kritische Blick leidet. Dieser Eindruck verfestigt sich bei der Durchsicht der Literatur im Anhang. Es finden sich hier zahlreiche Internetadressen der Websites von Start-ups und Wirtschaftsmagazinen. Dort werden digitale Ideen hoch gehandelt. Kritik und Zweifel wird man eher nicht finden. Geschwärmt wird von den Möglichkeiten, die eine komplette Aufzeichnung aller Lebensäußerungen, die Erfassung der Reale-Welt-Daten, eröffnet. Risikofaktoren für Krankheiten, Komplikationen einer Behandlung ließen sich rasch erkennen, die Betroffenen könnten unmittelbar und die Helfer online intervenieren. Doch die Nebenfolgen solcher Vermessung der Lebenswelt, die totale Medikalisierung des Daseins, wird allenfalls beiläufig thematisiert.

          Wozu braucht es eine digitale Pille?

          Immerhin wollen sich die Autoren mit „einigen ethischen Gedanken“ den Herausforderungen des digitalen Wandels nähern. Die sind vergleichsweise schlicht gehalten. Die Erläuterungen zum Begriff Medizinethik geben nicht mehr her als eine Aufzählung von vier als Georgetown-Mantra bekannten Prinzipien, die als kommunikatives Instrument zur Lösung von Konflikten in der klinischen Praxis geläufig sind. Einschlägige und höchst differenzierte Stellungnahmen wie die der European Group on Ethics in Science and Technology werden nicht erwähnt.

          Dem Appell schließlich, Kinder und Jugendliche sollten zu mehr sportlicher Betätigung angehalten werden, stimmt der Rezensent gerne zu, ohne einzusehen, wozu es dazu eine digitale Pille braucht. Den Ratschlag, Schüler sollten sich im Unterricht weniger mit Biologie, Chemie und Physik befassen, nimmt man dagegen konsterniert zur Kenntnis. Der sagt mehr über den Bildungsbegriff von Managern des Digitalen, als dass er der Medizin den Weg in eine nachhaltige Zukunft weist.

          Elgar Fleisch, Christoph Franz, Andreas Herrmann und Annette Mönninghoff: „Die digitale Pille“. Eine Reise in die Zukunft unseres Gesundheitssystems. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2021. 288 S., geb., 32,– €.

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