https://www.faz.net/-gr3-9p7v1

Wohnarchitektur der Zukunft : Die Höhlen haben ausgedient

  • -Aktualisiert am

Als Referenz vom Autor ins Spiel gebracht: Werner Sobeks Aktivhaus B10 Bild: Foto Zooey Braun

Auf den Spuren von architektonischen Ideen, die auch Lebensentwürfe sind: Klaus Englert überlegt in seinem neuen Buch, wie wir künftig wohnen wollen.

          Sag mir, wie du wohnst, und ich sage dir, wer du bist! Der Mensch definiert sich zu einem erheblichen Maß über seine Wohnung, sein Interieur, die Möbel, mit denen er lebt. Der Rahmen dafür ist ihm allerdings meist vorgegeben. Und an dem hat der Architekturjournalist Klaus Englert Erhebliches auszusetzen.

          Dabei bleibt der Einstieg in sein willkommenes, entschiedenes Plädoyer, der knapp die aktuelle „Misere des Wohnungsmarktes“ auf der Basis von Zeitungsmeldungen referiert, merkwürdig unverbunden mit der Kernbotschaft, um die es dem Autor eigentlich zu tun ist. Denn der theoretisierende erste Teil will eine Architekturgeschichte anhand eines Gegensatzpaares liefern: Einerseits das „Höhlenwohnen“, das sich insbesondere in der Gründerzeit – dunkel, dräuend, vollgestellt mit Nippes und schwerem Mobiliar – manifestierte; andererseits das Konkurrenzmodell „Nest“, welches seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Licht, Luft und Öffnung verspricht.

          Englert lässt keinen Zweifel an seinen Präferenzen. Als Stichwortgeber bemüht er Walter Benjamin, der sich immer wieder mit dem gesellschaftlichen Fundament des Wohnens auseinandersetzte – und dieses dezidiert mit einem Wandel der Lebenshaltung verband: Forderte er doch eine kritische Befragung der eigenen, dem alten Stil angepassten Gewohnheiten, darüber hinaus eine Befreiung aus den bisherigen Wohnzwängen, schließlich eine Verwirklichung der eigenen Lebensmöglichkeiten. Die Heroen des Wandels, wie etwa Bruno Taut, entdeckten ihre eigene Modernität im japanischen Haus. Reduktion, Einfachheit und Leichtigkeit waren die Gestaltungsprinzipien, die sie nun auch für die eigenen Werke in Anspruch nahmen.

          Jules Vernes Zukunftsarsenal

          Der Autor möchte diese Werte revitalisiert wissen, lässt freilich einen entscheidenden Umstand unerwähnt: Dass der Anspruch, mit verbesserten Wohnbedingungen („befreites Wohnen“) einen verbesserten Menschen zu kreieren, nicht bloß ein ambitioniertes Programm darstellt, sondern auch ein beängstigendes Dogma. Auch schafften die „lichten Nester“ letztlich ein Angebot, sich durch feine Unterscheidungen im Sinne Bourdieus von anderen abzugrenzen, die es sich nicht leisten können oder nichts davon verstehen.

          Reclam Verlag, Leipzig 2019. 216 S., 18 Euro.

          Den größten Teil des Buches nehmen zwölf Referenzsituationen ein. Man darf sie als bekannt voraussetzen: Bauherrengruppen (etwa Marc Koehlers Superlofts in Amsterdam) und Leichtkonstruktionen (Sou Fujimoto), Minihäuser (unter anderem von Kaiser Shen), die Wiederentdeckung von Innenhöfen, Werner Sobeks Aktivhaus B 10, die Kalkbreite in Zürich ebenso die Wohnungsgenossenschaft Spreefeld in Berlin. Sie alle verfügen fraglos über Qualitäten; in ihrer ausgesprochenen Unterschiedlichkeit bleibt jedoch offen, was sie eigentlich zur Ausgangsthese beitragen. Auch die abschließenden drei Interviews mit bekannten Architekten werfen, obgleich durchaus interessant zu lesen, kein neues Licht auf den konstituierenden Gegensatz.

          In einer Nebenbemerkung verweist Engler auf Jules Verne, der als gefeierter Schriftsteller der Zeitenwende eine groteske Zwitterposition einnahm. In den technologischen Innovationen, die er in seinen Romanen beschrieb, sei der Franzose Visionär gewesen, in „seinen Wohnvorstellungen hingegen unrettbar altmodisch. Verne fährt sein ganzes technisches Zukunftsarsenal auf, um zu zeigen, dass sich die Menschen sogar in den Meerestiefen und auf dem Mond gründerzeitlich einrichten“. Genau diese Ambivalenz freilich wäre eine vertiefte Erörterung wert.

          Englert bietet einen niedrigschwelligen, mit leichter Hand verfassten Überblick. Seine Argumentation unterliegt indes einem Schwarz-weiß-Schema, das viele Schattierungen negiert. Seine Auswahl an Beispielen ist zu individualistisch, um tatsächlich Antworten darauf zu liefern, wie wir künftig wohnen werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Finanzminister Olaf Scholz hat sich gegen das von Wirtschaftsminister Peter Altmaier vorgelegte Konzept zur vollständigen Abschaffung des Solis ausgesprochen.

          Finanzminister : Scholz gegen komplette Soli-Abschaffung

          Finanzminister Olaf Scholz kritisiert das von Wirtschaftsminister Altmaier vorgelegte Konzept zur vollständigen Soli-Abschaffung als „Steuersenkung für Millionäre“. Der SPD-Politiker möchte vorerst nur 90 Prozent der Steuerzahler entlasten.
          Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, warnt die Parteien davor, eine Koalition mit der AfD einzugehen.

          Zentralrat der Juden : „AfD schürt Klima auch gegen Juden“

          Zentralratspräsident Josef Schuster warnt: Die AfD sei enger mit dem Rechtsextremismus verwoben, als sie es nach außen darstellt. Im Vorfeld der Wahlen in Sachsen und Brandenburg hält Schuster einen dringlichen Appell an alle Parteien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.