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Buch über „Entnetzung“ : Bestens informiert – aber keine Ahnung

Welche individuelle Selbstverteidigungs-Taktik hilft gegen die Strategien der Internetkonzerne? Bild: dpa

Teilnehmende Beobachtung inbegriffen: Der Medienwissenschaftler Guido Zurstiege macht sich nicht viele eigene Gedanken über die Sucht nach dem Leben online.

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          Die Bedrohung durch den Zeitfresser Internet und die mit ihm verbundenen zahllosen Enter- und Infotainmentangebote scheint immer größer zu werden. Die meisten Besitzer eines Smartphones fühlen sich in irgendeiner Weise abhängig von ihm, zunehmend auch Kinder und Jugendliche. Dazu ist schon viel gesagt und geschrieben worden, nicht zuletzt in Zeitungen – die suchtfördernden Strategien der Internetkonzerne sind sorgfältig analysiert, zahlreiche Selbstversuche mit viel, wenig und ohne Internet durchgeführt worden. Zuhauf wurden Pamphlete über den Ausstieg aus der digitalen Abhängigkeit und entsprechende Ratgeber geschrieben. Gebracht hat das alles wenig. Die Bildschirmzeiten nehmen zu, alle sind in ihre Smartphones versunken, Jugendliche verbringen inzwischen mehrere Stunden am Tag mit Videospielen oder in den sozialen Netzwerken.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie soll man also über den digitalen Kontrollverlust schreiben, um vielleicht doch Wirkung zu erzielen? Vielleicht mit mehr Theorie und neuen Forschungsergebnissen. Guido Zurstiege, Professor für Medienwissenschaft in Tübingen, scheint dafür der Mann. Sein Buch beginnt er nach einer süffigen, mit Trump gesättigten Einleitung mit einem fast fünfzigseitigen Methoden- und Grundlagenteil, in dem sich immer wieder Sätze wie „Darum geht es in diesem Buch“, „Davon handelt dieses Buch“ finden. Er verspricht ein „den Problemraum eröffnendes Theorieprojekt“, das aber „empirisch geerdet“ und durch „exemplarische Fallstudien“ ergänzt werde.

          Der Mensch als Mängelwesen

          „Teilnehmende Beobachtung“ wird in Aussicht gestellt, ein zuweilen subjektiver Zugang ankündigt („Das Thema, um das es hier geht, betrifft mich ganz persönlich“), „Autoethnografie“ betrieben werden – was dann in der zweiten Hälfte des Buches auf ein rundes Dutzend Anekdoten und eine „sehr kurze“, überaus rhapsodische Geschichte des Medienverzichts zusammenschnurrt. Da der Autor auch noch erklärt, „auf eine apriorische Definition dessen“ zu verzichten, was er unter „Stille, Ruhe, Schweigen, Sendepause“ verstehe – die „Interpretationshoheit über diese Begriffe“ will er seinen anonymen Gesprächspartnern überlassen –, fragt man sich, was an diesem Ansatz eigentlich noch wissenschaftlich sein soll.

          Guido Zurstiege: „Taktiken der Entnetzung“. Die Sehnsucht nach Stille im digitalen Zeitalter. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 297 S., br., 18,– .

          Die einzige theoretisch scharfe Unterscheidung im Buch ist die von „Taktik“ und „Strategie“, und die geht auf Michel de Certeau zurück. Die drei Formen des Entnetzens hingegen (radikaler Schnitt, Selbstregulierung, temporärer Verzicht), die Zurstiege aufzählt, sind begrifflich so wenig profiliert, dass etwa die Übergänge zwischen Internet-„Pause“ und digitaler „Selbstregulierung“ sich verwischen. Und auch die zwei „philosophische(n) Traditionen“, aus denen heraus der Autor die unterschiedlichen Ansätze zur Entnetzung zu erklären versucht, sind wenig substantiell. Die eine Tradition sei durch den Glauben an die Fähigkeit „zur unvermittelten Kommunikation“ geprägt und wird von Zurstiege „romantisch“ genannt, die andere bekommt keinen Namen, ihr zufolge sei der Mensch aber ein „Mängelwesen“, Medien „gewissermaßen Prothesen“.

          Die Kapitel „Konnektivitätsverzicht“ und „Digitale Selbstverteidigung“ enthalten vorwiegend altbekannte Alltagsbeschreibungen (die Familie, die im Restaurant aufs Smartphone starrt), abgegriffenen Formulierungen („Das Smartphone ist der Zauberstab der digitalen Netzkultur“) und missfallen mit schwammigen Zwischenüberschriften („Reden und Schweigen“). Gibt es interessante Gedanken im Text, sind sie meist Zitate oder der Literatur entnommen. Die wenigen eigenständigen Thesen, wie etwa die, dass Netzkritiker wie Jaron Lanier als Internetpioniere einem Selbstwiderspruch unterlägen, werden durch unablässige Wiederholungen und geringfügige Umformulierungen totgeritten. Das Ergebnis der ersten hundert Seiten wird vollkommen erschöpfend auf gerade einmal drei Seiten resümiert.

          Dabei kann Zurstiege auch anders. In dem Kapitel „Rückzug in die Echokammer“ zeigt er sprachlich und gedanklich pointiert, wie die „Generalisierung des Zweifels“ an der Glaubwürdigkeit von Medien durch Populisten und Propagandisten den konstruktiven gesellschaftliche Diskurs verdirbt. Mutig sind die medienkritischen Überlegungen zur Absurdität der internetgetriebenen Nachrichtenfixiertheit. Hier fällt die hübsche Formulierung: „Viele Nachrichtenleser sind bestens darüber informiert, wovon sie keine Ahnung haben.“

          Der ratgeberhafte Schluss aber neigt dann wieder zur Bagatellisierung der zuvor aufgezählten Probleme. Der Internetnutzer müsse zur Entstressung seine Einstellung ändern und die inspirierende Umweghaftigkeit der analogen Welt wiederentdecken. Doch die zuvor aufgezählten Taktiken sind ebenso bekannt wie erwiesenermaßen wirkungslos. Ist die Annahme nicht näherliegend, dass die Grenzen der Widerstandsfähigkeit gegen die Plattformökonomie überschritten sind? Diese Grenzen deutlicher zu erkennen, ruft wiederum die Wissenschaft auf den Plan: Psychologie und Medizin, die sich der Erforschung von Internetsucht und Medienerschöpfung widmen. Aber auch Philosophie und Gesellschaftswissenschaften sind gefragt, wenn es um neue Grenzziehungen geht. Zusammenfassende Werke wie dieses bringen die Diskussion allerdings nicht weiter.

          Guido Zurstiege: „Taktiken der Entnetzung“. Die Sehnsucht nach Stille im digitalen Zeitalter. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 297 S., br., 18,– .

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