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„Masada“ von Jodi Magness : Als Jerusalem schon erobert war

Das Massaker vor der Belagerung

Daneben bietet Magness ihren Lesern eine kompakte Forschungsgeschichte der Stätte, eine kurze Naturgeschichte der Landschaft und der Gesteinsformationen, auf und aus denen Masada errichtet wurde, sowie eine Übersicht über die vielfältige Bautätigkeit Herodes des Großen. Diese illustriert bereits die Hellenisierung und später Romanisierung der jüdischen Eliten nach der Eroberung der Region durch Alexander den Großen im späten vierten Jahrhundert vor Christus, welche wiederum geradezu ein Leitmotiv der historischen Kapitel ist, in denen die Vorgeschichte Masadas und der jüdischen Rebellion nachgezeichnet wird. Diese Abschnitte allein lohnen bereits die Lektüre des Buches. Die Autorin hat ein einmaliges Gespür dafür, das Wichtige herauszuarbeiten, ohne ihren Lesern die plastischen Details vorzuenthalten, die ihnen diese bereits lange vor dem Fall Jerusalems meist wenig erbauliche Chronik nahebringen.

Zugleich bleibt Magness in einigen heiklen Fragen angenehm unparteiisch. Als Archäologin kann sie einfach nur feststellen, dass über die genauen Gründe für den Ausbruch des Aufstandes im Jahr 66 kein Konsens besteht. Ihre Darstellung macht aber deutlich, dass die innere Spaltung in der jüdischen Gesellschaft einen mindestens so wichtigen Faktor darstellt wie ungeschickte, korrupte oder einfach nur unfähige römische Gouverneure. Auch gewannen im Laufe des Aufstandes auf jüdischer Seite immer radikalere Kräfte die Oberhand. Am Ende ging dem Fall Jerusalems im Jahre 70 unbeschreiblicher Terror der jüdischen Extremisten an den eigenen Landsleuten in der Stadt voraus. Auch die Stilisierung der in Masada verschanzten Rebellen zu Freiheitskämpfern wird dem Leser hier gründlich verleidet. Josephus bezeichnete sie zumeist nicht als „Zeloten“, also religiös Radikale, sondern mit dem lateinischen Wort „Sicarii“, zu Deutsch Meuchelmörder. Tatsächlich, vor dem Eintreffen von Silvas Truppen suchten die späteren Verteidiger der Festung die Zivilbevölkerung der Region heim, massakrierten etwa die Einwohner der Oase En Gedi nördlich von Masada. Die Männer des Eleazar ben Ya’ir waren Terroristen.

Das überlässt sie lieber den Josephus-Spezialisten

Vor diesem Begriff scheut auch Jodi Magness unter Verweis auf den israelischen Soziologen Nachman Ben-Yehuda nicht zurück. Was aber keineswegs bedeutet, dass sie dem Bericht des Josephus unkritisch folgt – wie noch Yigael Yadin es tat. Entscheidend ist für sie, ob sich etwas archäologisch nachweisen lässt. So sieht Magness etwa auf der einen Seite ausreichend Hinweise darauf, dass sich in Masada neben den Sicarii auch Essener und damit Vertreter mindestens einer anderen jüdischen Fraktion befunden haben. Dass aber auch Samaritaner darunter gewesen sein sollen, die bei den meisten damaligen Juden wenig gelitten waren, bleibt nach Magness ohne ausreichenden Beleg – und damit auch die Erzählung vom Verschwinden noch der tiefsten Konfessionsgegensätze angesichts der römischen Bedrohung.

Was den Bericht des Josephus angeht, so wird er durch die archäologischen Befunde in vielem bestätigt. Details zum Hergang der römischen Belagerung in seiner Beschreibung sind ebenso nachweisbar wie die Anwesenheit von Frauen und Kinder unter den Belagerten. Nicht alle hatten das Glück der Miriam, der Tochter des Yehonathan, noch vor dem Eintreffen der Römer von ihrem – vielleicht fanatisierten Ehegatten – verlassen worden zu sein.

Aber wie steht es nun um den kollektiven Selbstmord der Verschanzten? Hier muss Magness die Freunde dieser dramatischen Geschichte ebenso enttäuschen wie jene, die aus der Geschichte von Masada nur zu gerne auch diese Luft herauslassen würden, beispielsweise ihren israelischen Fachkollegen Hillel Gever. Der glaubte oben auf der Plattform Hinweise auf Kämpfe auszumachen, was Josephus widerlegen würde. „Die archäologischen Überreste können unterschiedlich interpretiert werden, als Untermauerung von Flavius Josephus’ Bericht, aber auch im Sinne einer Widerlegung“, schreibt Magness. Ob man Flavius Josephus die Geschichte vom Massenselbstmord abnimmt oder nicht, hänge letztlich davon ab, wie man seine Zuverlässigkeit als Geschichtsschreiber beurteile. Eine Frage, die Magness lieber den Josephus-Spezialisten überlässt.

Jodi Magness: „Masada“. Der Kampf der Juden gegen Rom. Aus dem Englischen von Thomas Bertram. wbg/Theiss Verlag, Darmstadt 2020. 400 S., Abb., geb., 36,– €.

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