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Buch übers Feuermachen : Er lässt alles anbrennen

So sieht ein anständiges Lagerfeuer aus: Vor Beginn einer Treibjagd in Meckelnburg-Vorpommern. Bild: dpa

Ein Buch wirklich nicht nur für Männer: Der Förster, Abenteuerreisende und Überlebenstechniker Daniel Hume führt in eine entschwindende Kulturtechnik ein – vom Erzeugen eines Funkens bis zum Vermeiden von Glutnestern.

          An dieser Stelle wurde schon darauf hingewiesen, dass seit Lars Myttings Bestseller „Der Mann und das Holz“ diverse Nachahmerprodukte auf den Markt kamen. Sie richten sich mit ihren Umschlägen, die eine Brettoberfläche imitieren, an eine männliche Kundschaft beziehungsweise an eine weibliche, die sie Männern schenkt. Das ist insofern merkwürdig, als menschheitsgeschichtlich betrachtet in den letzten Jahrzehntausenden die Frauen die Hüterinnen des Feuers gewesen sind. Offensichtlich haben sich in unserer elektrifizierten Schwundform der Grillkultur und Freiluftküchen die Gewichte hin zum Mann verschoben, der sich archaisch fühlen darf, wenn er einen Gasgrill einschaltet.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Je mehr Plastikmüll, desto höher die Nachfrage nach dem Authentischen. Bücher von Bjorn Gabrielson, Franz Josef Keilhofer und Robert Penn haben unter anderem diese Nische bespielt, nun ist mit Daniel Humes „Die Kunst, Feuer zu machen“ schon wieder eines erschienen, das zwischen zwei Buchdeckeln mit Laminatoptik „echte Männer“ ansprechen möchte. Der Untertitel des englischen Originals – „The Joy of Spark, Tinder, Ember“ (Die Freude von Zunder, Funken, Asche) – erschien der hiesigen Marketingabteilung wohl zu unsexy, er kommt aber dem Anliegen des Autors viel näher.

          Daniel Hume: „Die Kunst, Feuer zu machen“. Das Buch für echte Männer. Aus dem Englischen von Christoph Trunk.  S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018. 304 S., Abb., br., 18,– €.

          Der 1989 im ländlichen Suffolk geborene Förster, Abenteuerreisende und Überlebenstechniker fängt naturgemäß mit dem Feuermachen ohne technische Hilfsmittel an – das heißt, ein scharfes Messer benötigt man schon. Zunächst braucht man Zunder, und der kann nicht nur aus Rinde, Bast, Spänen, Dung oder Baumpilzen bestehen – wie dem in unseren Breiten heimischen Schiefen Schillerpolling –, sondern auch aus Stoffen, die nicht in der Natur vorkommen.

          Wie kompliziert die Erzeugung eines Funkens ist, zeigen die Anleitungen, einen solchen mittels Quirl- oder Fiedelbohrer, Feuerpflug, -säge, -schnur oder -pumpe herzustellen – alles simple hölzerne Gerätschaften, die noch immer in Südostasien und Afrika in Gebrauch sind. Funken schlagen kann man auch mit Gestein wie Pyrit, aber für Expeditionen verwendet man heute üblicherweise einen Cereisen-Stab, der viel besser funktioniert. Die bei früheren Schülergenerationen beliebte Methode, mit einer Lupe Feuer zu machen, kann man mit Lesebrillen, Plastiktüten oder Frischhaltefolie imitieren.

          Für Ötzi war das Alltag

          Hume lässt buchstäblich alles anbrennen, was ihm geeignet erscheint, ein Feuer zu entfachen. Er erklärt, welche Holzsorten sich besonders gut eignen, stellt tradierte Feuerformen vor und erklärt, wo und warum diese am besten funktionieren. So liest man über die feinen Unterschiede zwischen Stern- und Indianerfeuer und erfährt, wie man Feuer transportiert (was für Ötzi Alltag war). Hume ist sich nicht zu schade, die optimale Zurichtung eines ganz normalen Kaminfeuers zu behandeln. Dabei gibt es immer wieder Entdeckungen zu machen: Das Finnenfeuer (Raappanan) macht aus einem halben Meter Stamm einen Herd, auf dem man kochen kann. Wer mit Feuer hantiert, sollte dies umsichtig tun, und so räumt der Autor hinterher die Feuerstelle auf; erst wenn die Holzkohlestücke „kalt genug sind, um sie in die Hand zu nehmen“, hat man die Gewähr, keine Glutnester zu hinterlassen.

          Das aufwendig gestaltete Buch taugt auch als Nachschlagewerk, da alle Techniken sorgfältig beschrieben werden und Zeichnungen detaillierte Informationen über notwendige Handgriffe beisteuern. So gelingt Daniel Hume der Nachweis, wie viele Wege zum Feuer führen und wie wenige in unserer Zivilisation noch lebendig sind.

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