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Lektionen aus dem Lockdown : Ökologie ist nicht grün

Das wirkliche Außerhalb beginnt beim Mond und besteht erst recht, wo die Gestirne ihre scheinbaren Bahnen ziehen: Ein Bewohner der kritischen Zone vor dem Hintergrund des Nachthimmels. Bild: Science Photo Library

Es muss ohne „Natur“ und „Umwelt“ gehen: Bruno Latour nutzt wertvolle Lektionen aus dem Lockdown, um eine ganz neue Kartographie unserer Weltverhältnisse einzuüben.

          5 Min.

          Die gerade zu ihrer vierten Welle auflaufende Pandemie bietet zweifellos viele Lektionen. Eine von ihnen ist die offenbar immer noch weite Verbreitung der Vorstellung, Wissenschaft könne nach Belieben sofort abfragbare und dabei definitive Einsichten an die Hand geben. Wozu noch das schwierige Verhältnis des Common Sense zu statistischen Sachverhalten kommt, obwohl den mit ihnen einhergehenden Wahrscheinlichkeiten bei Prognosen gar nicht zu entgehen ist, wenn erst einmal intrikat verschachtelte Wirkzusammenhänge unter nicht trennscharf herzustellenden Ausgangsbedingungen ins Spiel kommen – wofür das Virus sehr anschaulich und mit dramatischen Effekten sorgte.

          Helmut Mayer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Natürlich, es war nicht auf die Pandemie zu warten, um ein merkwürdiges Bild der Wissenschaften – als hätten sie es durchweg mit experimentellen Präparatwirklichkeiten physikalischer Provenienz zu tun – zu revidieren. Bruno Latour, renommierter Pariser Wissenschaftsforscher und -philosoph, hat diese Revision auch schon vor einiger Zeit vorangetrieben, bevor sie vor fünf Jahren zu einem zentralen Stück seiner weit ausgreifenden „Vorträge über das neue Klimaregime“ wurden, denen noch ein „Terrestrisches Manifest“ folgte. Jetzt liegt ein schmaler Band vor, der dort angestellte Überlegungen aufgreift und fortspinnt, nunmehr aber im Licht der Erfahrungen mit Pandemie und Lockdown.

          Bunker, Marsflüge und Sci-Fi-Szenarien

          Das Virus hat ja auf seine Weise klargemacht, was auch die Klimawissenschaften vorführen, dass wir in ein großes Geflecht von Akteuren eingebettet sind, menschlichen wie nichtmenschlichen, die als „Natur“ oder „Umwelt“ rein abzutrennen und uns gegenüberzustellen offensichtlich nicht mehr möglich ist. Illusorisch war diese scharfe Abtrennung zwar eigentlich schon immer, doch mittlerweile wird uns ihre Unmöglichkeit – von aufwendig hergestellten und abgedichteten Enklaven bestimmter wissenschaftlicher Praktiken abgesehen – nachgerade demonstriert. Wir bemerken dann, darauf will Latour hinaus, in dieses Geflecht, das mit jeder Forschungsanstrengung neue Agenten, Wechselwirkungen und Funktionsebenen erkennen lässt, eingeschlossen, also gewissermaßen zu einem Lockdown verurteilt zu sein. In einem Geflecht, aus dem es keinen Ausweg gibt, denn unsere unaufhebbare Abhängigkeit vom Eigensinn einer Vielzahl anderer Agenten lässt sich nur noch mit großer Anstrengung verleugnen.

          Bruno Latour: „Wo bin ich?“ Lektionen aus dem Lockdown.
          Bruno Latour: „Wo bin ich?“ Lektionen aus dem Lockdown. : Bild: Suhrkamp Verlag

          Das klingt bedrohlich, und manche Effekte sind es natürlich auch. Aber für Latour steckt gerade in dieser Einschließung die dringend notwendige Befreiung von falschen Transzendenzen, also der Vorstellung vermeintlicher Auswege, die wir immer noch mitschleppen. Es geht darum, endlich wirkliche Immanenz zu erreichen, sich tatsächlich in diesem Geflecht der uns direkt oder mittelbar betreffenden Wirkmächte zu verorten, welche die sogenannte kritische Zone aufspannen, den dünnen, wenige Kilometer dicken Biofilm des Planeten, auf den wir angewiesen sind. Woran auch Bunker, Marsflüge und Sci-Fi-Szenarien von Fluchten aus unseren Körpern nichts ändern.

          Kleine Universums-Schächte

          Hienieden also gilt es anzukommen, in den unübersichtlichen, von Lebendigem und seinen Hervorbringungen gestalteten Verhältnissen der sublunaren Welt, wie es Latour formuliert, indem er die religiöse Komponente der entgegengesetzten Fluchttendenzen anklingen lässt und es sich gleichzeitig nicht verkneift, die vormoderne Aufteilung in sub- und supralunare Regionen aufzurufen. Oberhalb des Mondes (eigentlich schon deutlich darunter) herrschen die reinen Verhältnisse, in denen wir (und die anderen Akteure der kritischen Zone) nicht mitspielen, die sich aber – gegen die moderne Vereinheitlichung zu einem Universum – nicht einfach auf die kritische Zone übertragen lassen.

          Latour weiß natürlich sehr gut, dass sich auch hienieden Verhältnisse herstellen lassen, in denen Prozesse glatt und wie am Schnürchen ablaufen, ohne dass dazwischentretende Agenten die Sache komplizieren. Er prägt für sie den hübschen Ausdruck „kleine Universums-Schächte“, die in den dünnen Teppich der kritischen Zone hineingetrieben werden. Doch sie sind Ausnahmen, nicht die Regel in einer Welt, die von anderen Wirkmächten in ihrer Existenz gehalten wird.

          Wenn sich die Grenzen von Organismen auflösen

          Dieses Reich der Wirkmächte nennt Latour „ERDE“ (in Kapitälchen, um die Verwechslung mit dem Planeten auszuschließen), und diejenigen, die eingesehen haben, dass gerade im Einschluss in dieses Reich die zu ergreifenden Freiheitschancen liegen, die „Erdverhafteten“. Die Analogie zum Lockdown hört hier natürlich auf, denn um seine Aufhebung geht es gerade nicht oder zumindest nur um eine von innen, die eine trügerische Aussicht auf unendliche Aktionsräume (Stichwort „Universum“) beseitigt.

          Sich ohne Reserve als „mit der ERDE“ lokalisieren, als Mitspieler in der kritischen Zone, darauf läuft es hinaus. Denn dann sind für Latour auch einige andere Einsichten zu fixieren und Folgerungen aus ihnen zu ziehen: dass wir als Mitspieler, die ihre Lebensbedingungen nicht aus sich heraus generieren können, nicht so tun können, als hätten wir alleinige Verfügungsrechte. Dass sich die Grenzen von Organismen, zieht man in Betracht, was sie für ihre Erhaltung de facto benötigen, tendenziell auflösen. Dass die Grenzen politisch-nationaler Territorien nichts mit den Grenzen zu tun haben, die jene Territorien markieren, von denen eine ins Auge gefasste Gesellschaft lebt.

          Im Stil einer philosophischen Erzählung

          Oder dass die Ökonomie als vermeintlich grundlegende Beschreibung der Verhältnisse zwischen den Akteuren ihre Selbstverständlichkeit verliert: Wo sie das letzte Wort zu sprechen schien, hat vielmehr eine kollektive, von harten Widersprüchen durchzogene Beschreibung der wechselseitigen Abhängigkeiten und Ansprüche aufgenommen zu werden: „Die Erdverhafteten sind aufgefordert, mit ‚Ökologie‘ nicht eine Domäne, eine neue Aufmerksamkeit für ‚Grünes‘ im weitesten Sinn zu bezeichnen, sondern einfach das, was aus der Ökonomie wird, wenn die Beschreibung wieder einsetzt.“

          Das Zitat zeigt, was der Leser ohnehin gleich bemerkt und Kenner dieses Autors nicht verwundern wird: Latour geht die Sache denkbar grundsätzlich an in diesen dreizehn Kapiteln „im Stil einer philosophischen Erzählung“, die einen „vom neuen Klimaregime aufgezwungenen Kosmologiewechsel“ einüben wollen. Manche werden fragen, ob es denn wirklich gleich einen solchen Wechsel braucht, eine neue Kartographie unserer Weltverhältnisse, die ohne „Natur“, „Umwelt“, die „materielle Welt“ – allesamt moderne Erfindungen – auskommt. Vielleicht nicht, um unmittelbar anstehende Aufgaben in Sachen Klima in den Griff zu bekommen, Leitfäden findet man bei Latour nicht. Aber es ist andererseits naiv zu glauben, dass in den kommenden Jahrzehnten ein bisschen Herumschrauben an den bestehenden Verhältnissen genügen wird.

          Latour ist da ein exzellenter Autor für das Sondieren anderer, nicht mehr moderner Weltverhältnisse: bei aller durchschlagenden Fabulierlust umsichtig, mit den Verfahren der Wissenschaften vertraut, viele Anregungen verarbeitend (im vierzehnten und letzten Kapitel werden sie zusammengestellt), tief zielend, ohne Tiefsinnigkeiten aufzufahren. Und nach wie vor ohne Furcht, sich dabei Termini und Konzepte anzueignen, oder besser eigentlich: für seine Erprobungen zu entwenden und neu einzupassen, die Hüter der richtigen ideologischen Haltung schnell die Stirn runzeln lassen: Boden, Völker, Rückkehr zur Erde, Verwurzelung, auch Gaia oder der beiläufig auftauchende „Nomos der Erde“. Woraus bei ihm die ungebrochene Lust spricht, sich auf besetzten Terrains umzusehen, um seine gegenläufigen Akzente zu setzen. Solche Begriffe aufzunehmen, schreibt er einmal, komme dem Überstreifen eines Nessushemdes gleich. Er weiß es in diesen anregenden Lektionen über Lektionen mit Anstand zu tragen.

          Bruno Latour: „Wo bin ich?“ Lektionen aus dem Lockdown. Aus dem Französischen von Hans-Joachim Russer und Bernd Schwibs. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 199 S., br., 16,50 €.

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