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Lektionen aus dem Lockdown : Ökologie ist nicht grün

Das wirkliche Außerhalb beginnt beim Mond und besteht erst recht, wo die Gestirne ihre scheinbaren Bahnen ziehen: Ein Bewohner der kritischen Zone vor dem Hintergrund des Nachthimmels. Bild: Science Photo Library

Es muss ohne „Natur“ und „Umwelt“ gehen: Bruno Latour nutzt wertvolle Lektionen aus dem Lockdown, um eine ganz neue Kartographie unserer Weltverhältnisse einzuüben.

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          Die gerade zu ihrer vierten Welle auflaufende Pandemie bietet zweifellos viele Lektionen. Eine von ihnen ist die offenbar immer noch weite Verbreitung der Vorstellung, Wissenschaft könne nach Belieben sofort abfragbare und dabei definitive Einsichten an die Hand geben. Wozu noch das schwierige Verhältnis des Common Sense zu statistischen Sachverhalten kommt, obwohl den mit ihnen einhergehenden Wahrscheinlichkeiten bei Prognosen gar nicht zu entgehen ist, wenn erst einmal intrikat verschachtelte Wirkzusammenhänge unter nicht trennscharf herzustellenden Ausgangsbedingungen ins Spiel kommen – wofür das Virus sehr anschaulich und mit dramatischen Effekten sorgte.

          Helmut Mayer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Natürlich, es war nicht auf die Pandemie zu warten, um ein merkwürdiges Bild der Wissenschaften – als hätten sie es durchweg mit experimentellen Präparatwirklichkeiten physikalischer Provenienz zu tun – zu revidieren. Bruno Latour, renommierter Pariser Wissenschaftsforscher und -philosoph, hat diese Revision auch schon vor einiger Zeit vorangetrieben, bevor sie vor fünf Jahren zu einem zentralen Stück seiner weit ausgreifenden „Vorträge über das neue Klimaregime“ wurden, denen noch ein „Terrestrisches Manifest“ folgte. Jetzt liegt ein schmaler Band vor, der dort angestellte Überlegungen aufgreift und fortspinnt, nunmehr aber im Licht der Erfahrungen mit Pandemie und Lockdown.

          Bunker, Marsflüge und Sci-Fi-Szenarien

          Das Virus hat ja auf seine Weise klargemacht, was auch die Klimawissenschaften vorführen, dass wir in ein großes Geflecht von Akteuren eingebettet sind, menschlichen wie nichtmenschlichen, die als „Natur“ oder „Umwelt“ rein abzutrennen und uns gegenüberzustellen offensichtlich nicht mehr möglich ist. Illusorisch war diese scharfe Abtrennung zwar eigentlich schon immer, doch mittlerweile wird uns ihre Unmöglichkeit – von aufwendig hergestellten und abgedichteten Enklaven bestimmter wissenschaftlicher Praktiken abgesehen – nachgerade demonstriert. Wir bemerken dann, darauf will Latour hinaus, in dieses Geflecht, das mit jeder Forschungsanstrengung neue Agenten, Wechselwirkungen und Funktionsebenen erkennen lässt, eingeschlossen, also gewissermaßen zu einem Lockdown verurteilt zu sein. In einem Geflecht, aus dem es keinen Ausweg gibt, denn unsere unaufhebbare Abhängigkeit vom Eigensinn einer Vielzahl anderer Agenten lässt sich nur noch mit großer Anstrengung verleugnen.

          Bruno Latour: „Wo bin ich?“ Lektionen aus dem Lockdown.
          Bruno Latour: „Wo bin ich?“ Lektionen aus dem Lockdown. : Bild: Suhrkamp Verlag

          Das klingt bedrohlich, und manche Effekte sind es natürlich auch. Aber für Latour steckt gerade in dieser Einschließung die dringend notwendige Befreiung von falschen Transzendenzen, also der Vorstellung vermeintlicher Auswege, die wir immer noch mitschleppen. Es geht darum, endlich wirkliche Immanenz zu erreichen, sich tatsächlich in diesem Geflecht der uns direkt oder mittelbar betreffenden Wirkmächte zu verorten, welche die sogenannte kritische Zone aufspannen, den dünnen, wenige Kilometer dicken Biofilm des Planeten, auf den wir angewiesen sind. Woran auch Bunker, Marsflüge und Sci-Fi-Szenarien von Fluchten aus unseren Körpern nichts ändern.

          Kleine Universums-Schächte

          Hienieden also gilt es anzukommen, in den unübersichtlichen, von Lebendigem und seinen Hervorbringungen gestalteten Verhältnissen der sublunaren Welt, wie es Latour formuliert, indem er die religiöse Komponente der entgegengesetzten Fluchttendenzen anklingen lässt und es sich gleichzeitig nicht verkneift, die vormoderne Aufteilung in sub- und supralunare Regionen aufzurufen. Oberhalb des Mondes (eigentlich schon deutlich darunter) herrschen die reinen Verhältnisse, in denen wir (und die anderen Akteure der kritischen Zone) nicht mitspielen, die sich aber – gegen die moderne Vereinheitlichung zu einem Universum – nicht einfach auf die kritische Zone übertragen lassen.

          Latour weiß natürlich sehr gut, dass sich auch hienieden Verhältnisse herstellen lassen, in denen Prozesse glatt und wie am Schnürchen ablaufen, ohne dass dazwischentretende Agenten die Sache komplizieren. Er prägt für sie den hübschen Ausdruck „kleine Universums-Schächte“, die in den dünnen Teppich der kritischen Zone hineingetrieben werden. Doch sie sind Ausnahmen, nicht die Regel in einer Welt, die von anderen Wirkmächten in ihrer Existenz gehalten wird.

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