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Lektionen aus dem Lockdown : Ökologie ist nicht grün

Wenn sich die Grenzen von Organismen auflösen

Dieses Reich der Wirkmächte nennt Latour „ERDE“ (in Kapitälchen, um die Verwechslung mit dem Planeten auszuschließen), und diejenigen, die eingesehen haben, dass gerade im Einschluss in dieses Reich die zu ergreifenden Freiheitschancen liegen, die „Erdverhafteten“. Die Analogie zum Lockdown hört hier natürlich auf, denn um seine Aufhebung geht es gerade nicht oder zumindest nur um eine von innen, die eine trügerische Aussicht auf unendliche Aktionsräume (Stichwort „Universum“) beseitigt.

Sich ohne Reserve als „mit der ERDE“ lokalisieren, als Mitspieler in der kritischen Zone, darauf läuft es hinaus. Denn dann sind für Latour auch einige andere Einsichten zu fixieren und Folgerungen aus ihnen zu ziehen: dass wir als Mitspieler, die ihre Lebensbedingungen nicht aus sich heraus generieren können, nicht so tun können, als hätten wir alleinige Verfügungsrechte. Dass sich die Grenzen von Organismen, zieht man in Betracht, was sie für ihre Erhaltung de facto benötigen, tendenziell auflösen. Dass die Grenzen politisch-nationaler Territorien nichts mit den Grenzen zu tun haben, die jene Territorien markieren, von denen eine ins Auge gefasste Gesellschaft lebt.

Im Stil einer philosophischen Erzählung

Oder dass die Ökonomie als vermeintlich grundlegende Beschreibung der Verhältnisse zwischen den Akteuren ihre Selbstverständlichkeit verliert: Wo sie das letzte Wort zu sprechen schien, hat vielmehr eine kollektive, von harten Widersprüchen durchzogene Beschreibung der wechselseitigen Abhängigkeiten und Ansprüche aufgenommen zu werden: „Die Erdverhafteten sind aufgefordert, mit ‚Ökologie‘ nicht eine Domäne, eine neue Aufmerksamkeit für ‚Grünes‘ im weitesten Sinn zu bezeichnen, sondern einfach das, was aus der Ökonomie wird, wenn die Beschreibung wieder einsetzt.“

Das Zitat zeigt, was der Leser ohnehin gleich bemerkt und Kenner dieses Autors nicht verwundern wird: Latour geht die Sache denkbar grundsätzlich an in diesen dreizehn Kapiteln „im Stil einer philosophischen Erzählung“, die einen „vom neuen Klimaregime aufgezwungenen Kosmologiewechsel“ einüben wollen. Manche werden fragen, ob es denn wirklich gleich einen solchen Wechsel braucht, eine neue Kartographie unserer Weltverhältnisse, die ohne „Natur“, „Umwelt“, die „materielle Welt“ – allesamt moderne Erfindungen – auskommt. Vielleicht nicht, um unmittelbar anstehende Aufgaben in Sachen Klima in den Griff zu bekommen, Leitfäden findet man bei Latour nicht. Aber es ist andererseits naiv zu glauben, dass in den kommenden Jahrzehnten ein bisschen Herumschrauben an den bestehenden Verhältnissen genügen wird.

Latour ist da ein exzellenter Autor für das Sondieren anderer, nicht mehr moderner Weltverhältnisse: bei aller durchschlagenden Fabulierlust umsichtig, mit den Verfahren der Wissenschaften vertraut, viele Anregungen verarbeitend (im vierzehnten und letzten Kapitel werden sie zusammengestellt), tief zielend, ohne Tiefsinnigkeiten aufzufahren. Und nach wie vor ohne Furcht, sich dabei Termini und Konzepte anzueignen, oder besser eigentlich: für seine Erprobungen zu entwenden und neu einzupassen, die Hüter der richtigen ideologischen Haltung schnell die Stirn runzeln lassen: Boden, Völker, Rückkehr zur Erde, Verwurzelung, auch Gaia oder der beiläufig auftauchende „Nomos der Erde“. Woraus bei ihm die ungebrochene Lust spricht, sich auf besetzten Terrains umzusehen, um seine gegenläufigen Akzente zu setzen. Solche Begriffe aufzunehmen, schreibt er einmal, komme dem Überstreifen eines Nessushemdes gleich. Er weiß es in diesen anregenden Lektionen über Lektionen mit Anstand zu tragen.

Bruno Latour: „Wo bin ich?“ Lektionen aus dem Lockdown. Aus dem Französischen von Hans-Joachim Russer und Bernd Schwibs. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 199 S., br., 16,50 €.

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