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Das Britische Weltreich : Wer sich für Rechte und Freiheit starkmachte, galt als Terrorist

  • -Aktualisiert am

Philip, Duke of Edinburgh, begrüßt Einheimische während seines Besuchs in Kenia im Jahr 1952. Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Im System der legalisierten Gesetzlosigkeit: Caroline Elkins zeigt, dass Gewaltexzesse über Jahrhunderte eine Selbstverständlichkeit britischer Herrschaft waren.

          5 Min.

          Prinzessin Elisabeth befand sich gerade auf einer Reise in der damaligen britischen Kolonie Kenia, als ihr Vater, König George VI, im Februar 1952 unerwartet starb. Bald darauf folgte sie ihm als Staatsoberhaupt Großbritanniens. Unlängst konnte Elisabeth II. ihr siebzigjähriges Thronjubiläum feiern. Und Kenia ist bereits seit nahezu sechs Jahrzehnten unabhängig. Doch das Ende der dortigen britischen Herrschaft wirft bis heute seine Schatten. Ein ungemein brutaler Dekolonisationskrieg brach aus, kurz nachdem Elisabeth ihre Reise abbrechen musste, um zum Totenbett ihres Vaters nach London zu eilen.

          Mit massiver Härte agierte die britische Kolonialverwaltung gegen die Mau-Mau-Revolte, die vor allem vom Volk der Kikuyu getragen wurde. 95 getöteten Europäern, davon 32 Zivilisten, standen über zwanzigtausend tote Afrikaner gegenüber. Während des gut sieben Jahre dauernden Krieges wurden mehr als eintausend Einheimische auf der Grundlage von hastig verabschiedeten Antiterrorgesetzen gehenkt, weit mehr als in jedem anderen kolonialen Konflikt.

          Rund siebzigtausend Einheimische saßen ohne Prozess oft für mehrere Jahre in Gefängnissen und Internierungslagern, in denen die Regierung sie rigorosen „Umerziehungsprogrammen“ unterwarf. Weit über hunderttausend Menschen wurden „umgesiedelt“: Das britisch beherrschte Kenia war in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts ein brutaler Polizeistaat.

          Die erste offizielle Entschuldigung

          In ihrer vor siebzehn Jahren publizierten, mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Studie „Imperial Reckoning. The Untold Story of Britain’s Gulag in Kenya“ hat die in Harvard lehrende Historikerin Caroline Elkins eindringlich das britische Gewaltregime und vor allem das Lagersystem im spätkolonialen Kenia beschrieben. Sie entwarf ihr in zornigem Ton gehaltenes Buch als eine Art persönliche Entdeckungsreise einer anfangs naiven jungen Wissenschaftlerin, die zur kompromisslosen Anklägerin kolonialer Gewaltexzesse wurde. In diesem Zusammenhang schien Elkins den Eindruck erwecken zu wollen, sie habe als Erste die britischen Gräueltaten in Ostafrika aufgedeckt.

          Caroline Elkins: „Legacy of Violence“. A History of the British Empire.
          Caroline Elkins: „Legacy of Violence“. A History of the British Empire. : Bild: Alfred A. Knopf

          Ihr Buch stieß auf große, freilich geteilte Resonanz. Während zahlreiche Kommentatoren lobten, sie habe endlich das „Schweigegelübde“ durchbrochen, durch welche die Diskussion über britische imperiale Gewalt bis dahin geprägt gewesen sei, kritisierten besonders Fachkollegen ihren ostentativen Gestus einer Kreuzritterin, deren offenkundig überzogene Zahlen – sie sprach etwa von eineinhalb Millionen zwangsumgesiedelten Kikuyu – zum Teil auf schlampigen Methoden und dubiosen mündlichen Aussagen beruhten. Elkins habe lautstark offene Türen eingerannt.

          Die Historikerin ließ jedoch nicht locker. Ihr Buch hatte einige Kikuyu ermutigt, mithilfe einer Anwaltsfirma die britische Regierung auf Entschädigungen zu verklagen, und Elkins trat in dem dann folgenden Verfahren als Gutachterin auf. An dessen Ende sah sich der damalige Außenminister William Hague im Juni 2013 veranlasst, im Abgeordnetenhaus sein Bedauern darüber auszudrücken, dass Tausende Kenianer in den Fünfzigerjahren unter britischer Herrschaft Opfer von Foltern und anderen Misshandlungen geworden waren. Ferner kündigte er an, dass die Regierung an über fünftausend Kenianern Entschädigungen zahlen werde – die erste offizielle Entschuldigung eines britischen Regierungsvertreters an die Opfer kolonialer Verbrechen.

          Widerstand wurde zu einer verbotenen Aktivität

          Und noch etwas kam im Verlauf des Gerichtsfalles ans Licht: Die Kolonialverwaltung hatte, bevor sie Kenia verließ, nicht nur zahlreiche kompromittierende Akten zum Mau-Mau-Krieg verbrannt, sondern weiteres Material nach England geschafft und dort in geheime Magazine in der Nähe von Northampton eingelagert. Dieser Vorgang wurde von der Regierung in London lange bestritten, konnte nun aber nicht mehr geleugnet werden. Historiker konnten bisher unbekannte Dokumente, die Belege für die Folterpraktiken der Briten in Kenia lieferten, erstmals systematisch auswerten.

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