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Geschichte der Komintern : Die Chimäre einer proletarischen Weltpartei

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Der oberste Genosse liest, der Zeichner hält es fest: Lenin und der Maler Isaak Brodski auf dem dritten Weltkongress der Komintern im Juli 1921 in Moskau. Bild: akg-images / Archive Photos

Unterwegs für das Berichtswesen der Moskauer Zentrale: Die Historikerin Brigitte Studer schildert das Binnenleben der Kommunistischen Internationale.

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          Die von Lenin im Frühjahr 1919 proklamierte „Kommunistische Internationale“ war eine Organisation, wie es sie weder vorher noch seither in der Geschichte gegeben hat – und das aus guten Gründen. Denn von ihren frühen hochfahrenden Anfängen bis zu ihrer schleichenden Degradierung zu einem Hilfsorgan der Stalin’schen Weltpolitik und der sowjetischen Auslandsgeheimdienste war sie ein ebenso heroisches wie verfehltes Unternehmen.

          Lenin schwebte allen Ernstes eine zentralistisch organisierte und geführte „Weltpartei“ vor, die nach Programm und Verfassung ein direktes Replikat der eigenen bolschewistischen Machtkohorte sein sollte. Mitten im Tumult des eigenen, verheerenden Bürgerkriegs und im Chaos der Nachkriegszeit sollte die neue Internationale eine „Weltarmee des Proletariats“ rekrutieren, um die von den westlichen Siegern diktierte und dominierte „Versailler Weltordnung“, auch „Weltkapitalismus“ und „Weltimperialismus“ genannt, durch eine Kombination sozial- oder nationalrevolutionärer Aufstände und direkter militärischer Vorstöße wie dem auf Warschau im Sommer 1920 über den Haufen werfen.

          Vertreter des Kernkaders

          Brigitte Studers Geschichte der Kommunistischen Internationale stellt ins Zentrum ihrer Darstellung die „Generation von 1920“, die bunt zusammengewürfelte Kohorte derer, die aus sehr unterschiedlichen Motiven zum zweiten, eigentlichen Gründungskongress der kurz „Komintern“ genannten Internationale ins halb ausgestorbene Moskau strebten. Ihre Vermutung, diese habe „einen Nerv der Zeit“ getroffen, weil „die alte Sozialdemokratie ausgedient und die Neuordnung der Arbeiterbewegung weitgehend ungeklärt“ gewesen sei, verkennt allerdings, dass gerade die mit den realen Arbeiterbewegungen verbundenen Kräfte, soweit sie beim Kongress vertreten waren, bald schon vom voluntaristischen Aktionismus und Militantismus der Komintern abgestoßen wurden.

          Auch ein kultursoziologischer Blick auf die multinationale Gründungskohorte der Internationale und der Bolschewiki selbst (den Studer leider nicht versucht) würde zeigen, dass der Kernkader eher aus radikalisierten Intellektuellen und demobilisierten Soldaten (meist kleinbürgerlicher oder bäuerlicher Herkunft), aus Angehörigen nationaler Minderheiten und aus dissidenten Abkömmlingen des Adels oder des Großbürgertums gebildet wurde und nur sehr partiell aus realen Vertretern der industriellen Arbeiterschaften, die überwiegend sozialdemokratisch oder konfessionell gebunden blieben.

          Über alle Kontinente verteilt

          Unter den zwei Dutzend „Reisenden der Weltrevolution“, die Brigitte Studer ins Zentrum ihrer Darstellung gestellt hat, befinden sich einige prominente, gut erforschte Figuren wie der gebildete indische National- und Sozialrevolutionär Manabendra Roy, der umtriebige kommunistische Medienmogul Willi Münzenberg oder die Schauspielerin und Fotografin Tina Modotti. Aber auch eine Reihe weniger bekannter Akteure kommen mit ins Bild, vor allem einige Frauen, auf deren Rolle und Status im vorwiegend maskulin geprägten Komintern-Kader die Autorin ein besonderes kritisches Augenmerk legt. Vielleicht ohne ganz zu bedenken, dass ein Anteil von zehn Prozent weiblicher Mitglieder in politischen Organisationen damals ziemlich selten war und dass die Arbeitsteilungen, in denen Frauen meist als „Maschinistinnen“ oder Übersetzerinnen fungierten oder für die (großteils konspirative) Logistik zuständig waren, alles andere als „traditionell“ waren.

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