https://www.faz.net/-gr3-7k3ft

Brigitta Bernet: Schizophrenie : Bewusstsein ist, was sich spalten lässt

  • -Aktualisiert am

Bild: Chronos Verlag

Als die Schizophrenie ihren Auftritt hatte: Brigitta Bernet untersucht, wie sich ein erfolgreiches Konzept der Psychiatrie herausbildete, das es auch in die Alltagssprache schaffte.

          Sagt ein Kleinkind „Du willst ein Bonbon“ und hält die Hand auf, finden alle das reizend und keineswegs beunruhigend, denn das Kind meint „(s)ich“, wenn es „du“ sagt. Es hat zwar noch nicht das richtige Wort dafür, ist sich aber seiner selbst gewiss. Nicht anders geht es dem Verunfallten mit retrograder Amnesie. Er ist zwar plötzlich fremd in der eigenen Biographie, zweifelt jedoch nicht, dass er und kein anderer die Person ist, die das Gedächtnis verlor - ihm kam nur die Erinnerung abhanden, nicht seine Identität. Auch der Alzheimerkranke mag vergessen haben, was der Pfleger morgens sagte, dass aber ihm selbst das Essen nicht schmeckt, diese Gewissheit ist ihm geblieben.

          Sind das Denken und geistige Erleben noch so zerrüttet, die personale Identität wird bis zuletzt verteidigt. Dem kohärenten Ich ist der „panic room“ unserer Psyche vorbehalten. Es gibt nur eine Krankheit, bei der dieser Selbst-Schutz nicht standhält: die Schizophrenie. Das erklärt, warum die Schizophrenie von jeher auch faszinierte, allen voran die Psychiater und die Philosophen des Subjektbegriffs.

          Zwei Namen für ein bekanntes Phänomen

          Aber was heißt hier „von jeher“? Genau dieser Frage geht die Historikerin Brigitta Bernet nach. Den Begriff „Schizophrenie“ gibt es nämlich erst seit gut hundert Jahren. Der geistige Inkubator, aus dem er hervorgegangen ist, ist die Schweizer Irrenanstalt Burghölzli in der Nähe von Zürich. Der Protagonist, durch den er konzipiert und formuliert wurde, ist Eugen Bleuler, Irrenarzt und seit 1898 Direktor des Burghölzli. Als Gegenspieler im Theorienstreit fungiert der deutsche Psychiater Emil Kraepelin - älter und damals bereits deutlich arrivierter als Bleuler.

          Um jedoch zu verstehen, warum sich der Begriff „Schizophrenie“ schließlich durchsetzte, dafür braucht es mehr als nur wissenschaftliche Konkurrenz. Dieser Surplus sind die gesellschaftlichen Konstellationen; sie bestimmen nicht nur den Ausgang des Rennens, sondern sind zugleich Vorbedingung dafür, dass sich das eine oder andere Konstrukt überhaupt herauskristallisiert. Um das darzutun, mutet Bernet sich und den Lesern einiges zu. Gleichwohl: Selten sind die Bedingtheiten für das Zustandekommen eines Krankheitsbildes so vielschichtig ausgeleuchtet und schließlich zusammengeführt worden.

          Eine Wissenschaft im Aufbruch

          Gegen Ende des 19. Jahrhunderts galt nicht nur in der Schweiz die Zahl der Anstaltsbetten für Geisteskranke als Indikator für die Fortschrittlichkeit einer Gesellschaft, aber dort war man besonders ehrgeizig. Gab es um 1850 rund 500 solcher Plätze, waren es im Jahr 1900 bereits 7000. Gemessen an der Bevölkerungsgröße, war die Schweiz damit seinerzeit führend in Europa. Allerdings kippte die Bewertung der Anstaltspsychiatrie innerhalb kurzer Zeit: Es zeigte sich nicht nur, dass die Heilung der geistig Verwirrten nicht gelang, die Krisenstimmung innerhalb der Gesellschaft des Fin de Siècle übertrug sich auf die Disziplin. „Wir wissen viel und können wenig“, räumte damals ein Irrenarzt ein und brachte den vorherrschenden therapeutischen Nihilismus auf den Punkt. Auch in der Öffentlichkeit formierte sich eine erste Welle veritabler Psychiatriekritik.

          Dem deutschen Psychiater Emil Kraepelin war zwar mit einer neuen Kategorisierung der psychiatrischen Erkrankungen ein großer Wurf gelungen: Exogen nannte er Geisteskrankheiten, die eine Ursache außerhalb des Organismus hatten, etwa infolge einer Syphilis. Die nicht durch äußere Einflüsse erklärbaren, folglich endogenen Psychosen teilte er in Gemütskrankheiten wie Depression und Manie einerseits sowie die Dementia praecox andererseits.

          Von der Dementia praecox zur Schizophrenie

          Der Name steht für den fortschreitenden und - nach Kraepelins und vieler seiner Fachkollegen Dafürhalten - unumkehrbaren Verlust der intellektuellen und kognitiven Denkfunktionen, die für ihn neben Wahn, Halluzinationen und Ich-Zerfall im Vordergrund standen. Aber so attraktiv diese auf einem organischen Krankheitsmodell fußenden Deutungen auch waren - therapeutisch gaben sie kaum etwas her, und die Hoffnung, hirnanatomische Korrelate zu finden, verflüchtigte sich mehr und mehr.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Michel Platini telefoniert in Nanterre nach seiner Entlassung aus dem Gewahrsam der Polizei.

          Ehemaliger Uefa-Präsident : Polizei entlässt Platini aus Gewahrsam

          Als Spielmacher fand Michel Platini auf dem Fußballfeld fast immer freie Räume. Nun sieht sich der frühere Uefa-Präsident von Anti-Korruptions-Ermittlern in die Enge getrieben. Und die haben nicht nur ihn im Visier.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.