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: Blonder Traum: Das kurze Leben der Renate Müller

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Als 1933 der Film "Walzerkrieg" abgedreht war, schwärmte seine Hauptdarstellerin von ihm als Gesamtkunstwerk: "Der ,Walzerkrieg' hat durchgehende Musik. Daraus ergibt sich eine völlige Änderung der Regie und der Arbeit des Schauspielers. Jede Einzelheit musste sich nach den Takten der Musik richten." ...

          Als 1933 der Film "Walzerkrieg" abgedreht war, schwärmte seine Hauptdarstellerin von ihm als Gesamtkunstwerk: "Der ,Walzerkrieg' hat durchgehende Musik. Daraus ergibt sich eine völlige Änderung der Regie und der Arbeit des Schauspielers. Jede Einzelheit musste sich nach den Takten der Musik richten." Dass die junge Schauspielerin Renate Müller eine perfekte Symbiose aus Musikalität, Körpersprache und Wort geliefert hatte, interessierte das Publikum allerdings weniger, als dass sie plötzlich extrem schlank erschien. Man munkelte von gesundheitsschädigenden Hungerkuren, die ihr die Ufa diktiert habe. Offen ausgesprochen wurde, dass der Regisseur Ludwig Berger nach dem Erfolg von "Walzerkrieg" als Jude keinen Film mehr drehen durfte.

          Von der entlarvenden Kopplung des heiteren Begriffs Walzer an das tödliche Wort vom Krieg bis zur autoritären Weltsicht, die einer Führung zuspricht, Menschen zu schinden und zu töten, ist damit vieles beisammen, was die Atmosphäre des "Dritten Reichs" ausmacht. Renate Müller stand inmitten dieses Wahnsinns: Nach eher belanglosen Anfängen an Berlins Theatern war sie 1931 mit dem auch international erfolgreichen Film "Die Privatsekretärin" zum Star aufgestiegen. Dem Ideal der Weimarer Republik entsprach sie als selbständige Kesse, dem der Nazis kam ihre weiche frauliche Ausstrahlung entgegen.

          Mehr "Mädel" als "Garçonette", blond, blauäugig und strahlend, fiel sie Goebbels und Hitler auf; so sehr, dass der Propagandaminister sie 1933 mit dem "Führer" zu verkuppeln suchte. Für Letzteres bleibt Uwe Klöckner-Draga in seiner Biographie den Beweis schuldig. Aber er zitiert Dutzende von Akten, die belegen, dass die Schauspielerin von der Gestapo überwacht und häufig zu dem tobenden Goebbels zitiert wurde, der ihr später den Reisepass entziehen ließ. Grund der Repressalien war der Geliebte Renate Müllers, der Bankierssohn Georg Deutsch, der als Jude schon 1933 nach London emigriert war, wo ihn die Schauspielerin immer wieder besuchte. Zur Emigration konnte sie sich nicht enschließen. Eine Begründung liefert der Regisseur Arthur Maria Rabenalt: "Ihr Stolz ließ nicht zu, dass sie klein beigab."

          Gemessen am Duckmäusertum so vieler ihrer Kollegen, wurde Renate Müller zur Heldin. Sie provozierte die Machthaber durch Passivität, entzog sich Auftritten bei Staatsempfängen oder in Propagandafilmen - und drehte "Viktor und Viktoria" (Foto). Eine Frau, die einen Mann spielt, der eine Frau spielt: Ausgerechnet dieser laszive Spaß vom Changieren der Geschlechter, typisch für die freigeistigen zwanziger Jahre, wurde einer der größten Filmerfolge des "Dritten Reichs". Eine Diktatur, die das Mannstum vergottet, lässt sich von einer spöttischen Travestie und ihrer Protagonistin verzaubern: welche Gelegenheit für gesellschaftliche und biographische Deutungen. Doch Klöckner-Draga bleibt ein korrekter Chronist, dem weder zur Zeit noch zur Person irgendetwas einfällt, was über politisch korrekte Klischees hinausginge.

          Das jähe Ende der Karriere und der plötzliche Tod der jungen Schauspielerin setzten den grausigen Schlusspunkt unter ein Leben, das die NS-Diktatur zum Drahtseilakt hatten werden lassen. Renate Müller, disponiert für Depressionen, wurde drogen- und alkoholabhängig. Ihre letzten Erfolge - "Allotria" und "Eskapade", beide 1936, beide mit einem für die damaligen Verhältnisse schier unbegreiflichen "Lubitsch-Touch" - trotzte sie einem extrem geschwächten Körper ab. Zusammenbrüche, die sich nach dem Scheitern der Beziehung zu Georg Deutsch häuften, ließen die Filmgesellschaften zurückschrecken und erleichterten es Goebbels, die Schauspielerin endgültig zu isolieren.

          Im September 1937, während der Propagandafilm "Togger", gegen den sie sich nicht mehr hatte sträuben können, Renate Müller als blonden Traum zeigte, stürzte die Schauspielerin aus einem Fenster im ersten Stock ihres Hauses in Berlin-Dahlem. Am 7. Oktober, sie hatte sich scheinbar erholt, starb sie. Kollegen wie Sybille Schmitz, Lilian Harvey und Willy Fritsch besuchten demonstrativ die Trauerfeier. Selbstmord? Mord durch die Gestapo? Die Gerüchte hielten sich jahrelang. Das Wesentliche sagte Arthur Maria Rabenalt: "Man hat sie systematisch hingerichtet, auf Raten sozusagen."

          DIETER BARTETZKO

          Uwe Klöckner-Draga: Renate Müller. Ihr Leben, ein Drahtseilakt. Verlag Kern. Bayreuth 2006. 296 S., Abb., 24,90 [Euro].

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