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: Blicke in das Menschenherz

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Pitaval steht bis heute als Name für ein Programm. Auf dem Buchmarkt tummeln sich neben einem Berliner, Dresdner oder Pfälzer Pitaval thematische Fallsammlungen aus Gerichtsmedizin und Kriminalgeschichte - selbst der Heckenschütze von Washington wird inzwischen als Pitaval-Geschichte gehandelt. Der ...

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          Pitaval steht bis heute als Name für ein Programm. Auf dem Buchmarkt tummeln sich neben einem Berliner, Dresdner oder Pfälzer Pitaval thematische Fallsammlungen aus Gerichtsmedizin und Kriminalgeschichte - selbst der Heckenschütze von Washington wird inzwischen als Pitaval-Geschichte gehandelt. Der französische Jurist François Gayot de Pitaval hat das Genre authentischer Rechtsfälle mit seinen "Causes célèbres et intéressantes" (1734-1743) begründet. Seine Sammlung in zwanzig Bänden gelangte zu ähnlicher Popularität wie heute die Gerichtsshows. Nach einhundert Jahren war der "Neue Pitaval" unter Julius Hitzig und Willibald Alexis bereits auf sechzig Bände angewachsen, von vielen Kriminalautoren begierig als Quelle genutzt.

          Zu einem begeisterten Anhänger dieser Mode wird auch Friedrich Schiller, der in den Jahren zwischen 1792 und 1795 eine eigene Pitaval-Ausgabe in vier Bänden herausgibt. In Auswahl ist sie jetzt mit einem schönen Nachwort und hilfreichen Kommentaren von Oliver Tekolf in der Anderen Bibliothek bei Eichborn erschienen. Schillers Interesse für wahre Rechtsfälle beginnt aber schon über zehn Jahre früher mit den "Räubern". In der Vorrede erklärt er das "innere Räderwerk" des Lasters und den "großen Bösewicht" zu seinen eigensten Gegenständen. Beikommen will er ihnen mit der "dramatischen Methode, die Seele gleichsam bei ihren geheimsten Operationen zu ertappen". Wenig später entwickelt er in der "wahren Geschichte" "Verbrecher aus Infamie" die gleiche Faszination für eine psychologische "Leichenöffnung des Lasters". Schiller will zeigen, wie ein Verbrecher "seine Handlung nicht bloß vollbringen, sondern auch wollen" kann. Die inneren Motivationen des Delinquenten vor der Tat sollen für das "selbst zu Gericht sitzende" Publikum entfaltet werden, das so gleichermaßen unterhalten und unterrichtet wird.

          Mit dieser Strategie wie mit der Verarbeitung historisch verbürgter Fälle tritt Schiller von Anfang an in die Fußstapfen Pitavals. Der erklärt in seiner eigenen Vorrede von 1734, daß er seine Leser lieber vergnügen als mit der "rauhen juristischen Schreibart" verschrecken wolle, Romane aber wegen deren "Unwahrheit" ablehne. In seiner Ausgabe ersetzt Schiller Pitavals Vorrede durch eine eigene. Sie knüpft an die beiden programmatischen Einleitungen zu den "Räubern" und zum "Verbrecher" an. Schiller rühmt den Vorzug der historischen Wahrheit, mit der sich die "Divinationsgabe" des Lesers für die "verborgenen Gänge der Intrige" schärfen lasse und die zugleich den Richtern "tiefere Blicke in das Menschenherz" gewähre. Im Gegensatz zur nüchternen "Geschichtserzählung", also der juristischen "Species facti", verspreche erst die literarische Behandlung jenes prickelnde Vergnügen, "die Erwartung aufs Höchste zu treiben".

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