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: Blaupause für Afghanistan

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Anfang Juli 1898 kehrt der junge Kavallerieleutnant Winston Churchill aus dem nordindischen Kriegsgebiet nach London zurück. In den Zeitungen hat er von dem Rückeroberungsfeldzug gelesen, den eine britisch-ägyptische Expeditionsarmee unter Horatio Herbert Kitchener gegen das Mahdistenreich im Sudan führt.

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          Anfang Juli 1898 kehrt der junge Kavallerieleutnant Winston Churchill aus dem nordindischen Kriegsgebiet nach London zurück. In den Zeitungen hat er von dem Rückeroberungsfeldzug gelesen, den eine britisch-ägyptische Expeditionsarmee unter Horatio Herbert Kitchener gegen das Mahdistenreich im Sudan führt. In diesem Sommer soll Omdurman, das Heerlager der Mahdisten, gestürmt und die alte Hauptstadt Khartum befreit werden. Churchill möchte dabei sein. Er bewirbt sich um einen Posten in Kitcheners Truppe, wird abgewiesen, lässt die Beziehungen seiner Mutter spielen - die Churchills gehören zur Familie der Herzöge von Marlborough, einer der mächtigsten im Königreich - und kommt schließlich als Schwadronsoffizier zu den 21st Lancers, einer Eliteeinheit der britischen Reiterei.

          Seinen Kampfeinsatz finanziert Churchill, der von Haus aus eigentlich nicht in Geldnot ist, mit Berichten für die "Morning Post". Im August 1898 dümpelt er mit seinem Regiment in der Gluthitze des Niltals auf einem britischen Dampfer den Fluss hinauf nach Atbara, wo sich Kitcheners Armee sammelt. "Von den Schrecken des Krieges war nichts gegenwärtig außer dem Essen, das in seiner einzigartigen Schlichtheit durch die fehlgeleiteten Anstrengungen des Kochs wenig gewann." Dieselbe noble und leicht snobistische Eleganz wird Churchills Prosa auch angesichts des Entsetzlichen bewahren, das dem Schlangenfraß auf dem Fuße folgt, der Schlacht von Omdurman mit ihren Leichenteppichen, der Gemetzel und Gefangenenerschießungen in den Straßen der eroberten Stadt. Nach England zurückgekehrt, baut der junge Leutnant und Unterhauskandidat seine Notizen und Depeschen zu einem Buch aus, das 1899 in einer reich illustrierten zweibändigen Ausgabe erscheint. 1902 kommt eine gekürzte, einbändige Fassung von "The River War" heraus, die in den dreißiger Jahren noch zweimal redigiert wird. Und jetzt, 2008, ist das Buch zum ersten Mal auch auf Deutsch erschienen, unter dem Titel "Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi" und in einer liebevoll gestalteten und vorbildlich kommentierten Edition.

          Aber warum soll man dieses Buch lesen? Weil es von Churchill ist? Da hätte die "Andere Bibliothek" im Eichborn Verlag ein bisschen früher aufstehen müssen, denn Sir Winston war in der Tat in Deutschland ein Erfolgsautor - vor allem mit seiner Autobiographie "Meine frühen Jahre" und seinem sechsbändigen Werk über den Zweiten Weltkrieg, allerdings in den fünfziger und sechziger Jahren. Sein Nachruhm in Großbritannien, wo er erst kürzlich zum größten Engländer aller Zeiten gewählt wurde, und auf dem europäischen Kontinent ist ungebrochen, wenn er auch durch die Neubewertung des alliierten Bombenkriegs gegen die deutschen Städte etwas gelitten hat. Dennoch kann man nicht behaupten, dass die deutsche Öffentlichkeit ungeduldig auf Winston Churchills Darstellung von Kitcheners Feldzug im Sudan gewartet hat. Warum also dieses Buch?

          Der Gottgesandte

          Weil es, zum Beispiel, ein Bericht über einen islamistischen Staat ist - über seine Entstehung, über seinen Erfolg und über seine Niederwerfung, die, wie wir heute wissen, nur eine vorläufige war. Das Mahdi-Regime, Frucht eines Volksaufstands unter dem Wanderprediger Muhammad Ahmad, der sich wie ein Lauffeuer über die damalige ägyptische Provinz Sudan ausbreitete, war die erste staatliche Ausprägung des islamischen Fundamentalismus in der Moderne. Die Rebellion, die sich ursprünglich vor allem gegen die Korruption und religiöse Laxheit der ägyptischen Beamten richtete, verwandelte sich in einen Dschihad, als Ägypten Truppen zur Gefangennahme ihres Anführers entsandte. Ahmad nahm den Titel Mahdi - "der Gottgesandte" - an, rief die Anhänger Allahs in der Welt zum Heiligen Krieg gegen Osmanen und Europäer auf und ließ sich von seinem Vertrauten Abdallahi ibn Muhammad ein schlagkräftiges Heer schmieden. Im Januar 1885 eroberten die Mahdisten nach einjähriger Belagerung die sudanesische Hauptstadt Khartum und erschlugen den von der britischen Schutzmacht entsandten Gouverneur Charles George Gordon. Die Londoner Leitartikler tobten. Aber nichts geschah. Der Mahdi starb wenige Monate nach der Einnahme Khartums, sein Nachfolger Abdallahi aber hatte elf Jahre Zeit, das Mahdistenreich zu einem stabilen Terrorstaat auszubauen.

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