https://www.faz.net/-gr3-8yyga

Die Freiheit zur Blasphemie : Beleidigte religiöse Gefühle als Tatbestand?

  • -Aktualisiert am

Wirklich? Über das Wort Clemenceaus, dass Gott keinen Schutz durch menschliche Gesetze benötige, wird man sich rasch einigen können. Ist aber die Erfahrung der Gläubigen, dass das ihnen Heiligste nach Belieben in den Schmutz getreten werden darf, tatsächlich so unbeachtlich, wie de Saint Victor behauptet? Der Autor räumt ausdrücklich ein, dass das Bekenntnis der einzelnen Gläubigen „größte Achtung“ verdiene. Von diesem persönlichen Bekenntnis aber seien die religiösen Lehren und Institutionen zu unterscheiden. Deren rückhaltlose Kritik müsse möglich sein, wenn man sich nicht von jeder Meinungsfreiheit verabschieden wolle.

Unser Angebot für Erstwähler
Unser Angebot für Erstwähler

Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

Zum Angebot

Aber geht diese simple Differenzierung tatsächlich auf? Lassen Darstellungen, die Mohammed als Kinderschänder oder Jesus als gekreuzigtes Schwein zeigen, den Achtungsanspruch derjenigen, die an derart pervers oder lächerlich dargestellte Gestalten glauben, wirklich so unberührt, wie de Saint Victor dies im Einklang mit der französischen Rechtsprechung behauptet? Oder steckt dahinter nicht vielmehr allen Lippenbekenntnissen zum Respekt vor fremden Glaubensüberzeugungen zum Trotz doch eine tiefe Geringschätzung derjenigen, die diese Überzeugungen noch nicht auf den Müllhaufen ihrer persönlichen Geschichte befördert haben?

Es versteht sich freilich von selbst, dass die Behauptung als solche, man fühle sich beleidigt, ein weder juristisch noch politisch beachtliches Argument darstellt; nicht individuelle Empfindlichkeiten, sondern objektiv-gesellschaftliche Maßstäbe entscheiden über das Gewicht eines kommunikativen Angriffs. Unbestritten ist auch, dass der Einzelne innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft selbst eine massive Infragestellung seiner persönlichen Überzeugungen hinnehmen muss. Der Meinungs- und der Kunstfreiheit kommt ein hohes Gewicht zu, das nur in seltenen Ausnahmefällen von einem Anspruch auf die Achtung religiöser Überzeugungen überwogen werden kann. Insofern ist es billige Polemik, wenn de Saint Victor ebenso wie viele andere Diskutanten behauptet, dass die Kritik an seiner Forderung nach einschränkungsloser rechtlicher Zulassung von Blasphemie letztlich darauf hinauslaufe, „jede Form von Zensur zu rechtfertigen“. Die Erfahrungen mit der Strafverfolgungspraxis im Zweiten Kaiserreich umstandslos auf die Gegenwart zu projizieren ist derart unhistorisch, dass es einem Wissenschaftler vom Format de Saint Victors nicht zur Ehre gereicht. Undifferenzierte Schwarzweißmalereien werden auch dann nicht zu guten Argumenten, wenn sie statt von den Feinden der freien Gesellschaft von deren Verteidigern stammen. Gerade von einem Autor, der zu Recht betont, dass die Suche nach einer gemäßigten Lösung in Religionsfragen heutzutage die eigentliche Herausforderung darstelle, hätte man sich eine größere Distanz zu seinen eigenen weltanschaulichen Vorfestlegungen gewünscht.

Weitere Themen

Nur nicht so herablassend

Buch über Globale Eliten : Nur nicht so herablassend

Die Globalisierung hat eine Elite hervorgebracht, die weltoffen, international und ungebunden ist. Carlo Strenger liest dieser liberalen Elite in seinem Buch die Leviten: Sie vergesse alle anderen gesellschaftlichen Schichten.

Topmeldungen

Aktuell gibt es in Deutschland nur einen Bruchteil der bis 2020 anvisierten 100.000 Ladestellen.

Elektromobilität : Strom-Tankstellen auf Staatskosten

Im Kanzleramt findet gerade ein Autogipfel statt. Ein Thema: Elektro-Autos. Sie sind für die Industrie das nächste Milliardengeschäft. Doch die Ladesäulen soll der Staat bezahlen – mit bis zu einer Milliarde Euro. Aber muss das sein?
Der Europarat in Straßburg

Stimmrecht im Europarat : Die Russen sind schon in der Stadt

Ein Akt der Verzweiflung in 220 Teilen: Wie die Ukraine versucht, in letzter Minute die Aufhebung der Sanktionen gegen die russischen Abgeordneten in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats zu verhindern.

FAZ Plus Artikel: CDU und AfD : Noch nicht mal zum Kaffeeplausch

Die Union will sich stärker von der AfD abgrenzen und fasste einen Beschluss, in dem sie die Ermordung Walter Lübckes mit dem Handeln der AfD in Zusammenhang bringt – steht nun ihre Beziehung zu den Sicherheitsbehörden auf dem Spiel?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.