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Biographie über Andy Warhol : Der Altmeister der Suppendose

Marcel Duchamp alias Rrose Sélavy lässt grüßen: Andy Warhol posiert 1981 für Christopher Markos’ „Altered Image“ Bild: Chris Makos

Steht er nun wirklich als Star neben Picasso? Der Kunstkritiker Blake Gopnik legt eine akribisch recherchierte Biographie von Andy Warhol vor.

          4 Min.

          Über keinen anderen Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts ist so viel geschrieben worden wie über Andrew Warhola, der sich seit Anfang der sechziger Jahre Andy Warhol nannte; mit einer Ausnahme wohl, Pablo Picasso. Nun hat der amerikanische Kunstkritiker Blake Gopnik dieser Bibliothek ein weiteres Werk hinzugefügt, das schlicht „Warhol. Ein Leben als Kunst“ heißt. Weniger schlicht ist der Umfang dieser Recherche, mehr als tausendzweihundert eng bedruckte Seiten einer akribischen Durchforstung der Vita des „Superstars“. Gopnik hat dafür zweihundertsechzig nähere und fernere Zeugen interviewt, rund hunderttausend Zeitdokumente eingesehen. Der Anhang des gewichtigen Bands verweist auf die Quellen, die Angaben zu den Zitaten und weiteren Belegen, die als Endnoten auf der Website des Verlags einsehbar sind und dort weitere siebenhundert Seiten füllen.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Hilfreich bei der Lektüre dieser Biographie ist ihr klassischer Aufbau, fünfzig chronologisch angeordnete Kapitel. Gopnik rekonstruiert verdienstvoll ausführlich auch die frühen Jahre: Es kommt die prekäre Kindheit des schon sehr speziellen kleinen Andrew in den Blick, der 1928 als jüngster von drei Söhnen russinischer Einwanderer in Pittsburgh geboren wurde. Es geht um die Zeit seines Kunststudiums am Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh, um Warhols Ringen um seine sexuelle Identität, seine Queerness, die ihm lebenslang als Obsession, als Melancholie bleibt, trotz all seiner Liebhaber nicht im befreiten Ausleben. Erst sehr spät wird er sich, das ist bekannt, offen zu seiner Homosexualität bekennen.

          Dieser wunderbare Schildkrötengeschmack

          Im Kern geht es um Warhols ständige Neuerfindung seiner selbst, nicht nur im Rückgriff auf die eigene, flackernde Produktionsenergie, sondern auch durch die Inspiration, die er sich bei anderen holte. Es geht um die diversen Felder, auf denen er agierte: Malerei, Siebdruck, Fotografie, Film; um Musik in der Arbeit mit der Kultband „Velvet Underground“; um die Generierung seiner „Superstars“, wie etwa Edie Sedgewick, in deren Erscheinung er definitiv vernarrt war; außerdem und zentral um die Arbeit am eigenen öffentlichen Image, umgeben von den wechselnden Sippen seiner „Factory“ an verschiedenen Orten, am berühmtesten darunter die „Silver Factory“.

          Wenn ihm die Ideen ausgingen, schreibt Gopnik, soll er sich gern bei anderen bedient haben. So im Fall der heroischen „Campbell’s“-Suppendosen: Angeblich gegen einen Scheck über fünfzig Dollar habe ihm die Kunsthändlerin Muriel Latow geraten, er müsse etwas finden, was jeder kenne – „etwas wie eine Suppendose von Campbell“ eben. Warhol seinerseits zog es vor, seine Mutter für die geniale Idee ins Spiel zu bringen, und erklärte gelegentlich, seine Lieblingssorte sei die mit Schildkrötengeschmack, „aber ich muss der Einzige gewesen sein, der sie gekauft hat, denn sie wurde nicht mehr hergestellt“. Als eine mögliche Quelle für die „Dollar“-Bilder etwa zur gleichen Zeit macht Gopnik die Arbeiten mit aneinandergereihten alltäglichen Drucksachen der griechisch-amerikanischen Künstlerin Chryssa aus, die damals in New York gerade Erfolg hatten. Solche erhellenden Mitteilungen finden sich in großer Zahl im Buch.

          Sein ärgster Widersacher

          Selbst an Warhols eigentlicher Urheberschaft am unzerstörbaren Spruch „In Zukunft wird jeder für fünfzehn Minuten weltberühmt sein“ meldet Gopnik Zweifel an mit dem Verweis darauf, dass er sich verbreitete, weil er so im Katalog zur ersten großen Warhol-„Retrospektive“ in Stockholms Moderna Museet 1968 abgedruckt war. Im Ganzen führt ihn das zu der Einschätzung: „Man könnte sagen, dass dieses Aufsaugen eines von Warhols Markenzeichen war, mit dem er sich einmal mehr dem Prinzip der Urheberschaft und der damit einhergehenden Originalität verweigerte – eine Geste, die einen seiner schockierendsten und zugleich originellsten Beiträge zur Kunst darstellt.“ Dabei identifiziert Gopnik als „ärgsten Widersacher“ – aus Warhols eigener Perspektive – tatsächlich an einer Stelle Picasso, weil „der offiziell als größter lebender Künstler galt“.

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