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: Bitte mehr geschliffenen Sichtbeton statt Scharfsinn!

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Wo weniger mehr ist, da weiß der Architekturkenner: Er ist in der klassischen Moderne angekommen. Nur darf er sich nicht dem Trugschluß hingeben, dort, wo das Allerwenigste als das Allermeiste gilt, habe die Moderne ihre ultimative Steigerungsform erreicht. An dieser äußersten Grenze, so haben die Landvermesser der Architekturkritik festgelegt, beginnt die Zuständigkeit des Minimalismus.

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          Wo weniger mehr ist, da weiß der Architekturkenner: Er ist in der klassischen Moderne angekommen. Nur darf er sich nicht dem Trugschluß hingeben, dort, wo das Allerwenigste als das Allermeiste gilt, habe die Moderne ihre ultimative Steigerungsform erreicht. An dieser äußersten Grenze, so haben die Landvermesser der Architekturkritik festgelegt, beginnt die Zuständigkeit des Minimalismus. Als der Modernist Mies van der Rohe für das Einfache plädierte, wollte er den Bau in seiner strukturellen Logik zeigen und hielt dessen Machart für die innere Wahrheit. Dagegen scheren sich Minimalisten nicht im geringsten darum, wie eine Sache hergestellt und genutzt wird. Es geht ihnen um das Objekt in seiner einfachen Geometrie, seinem einheitlichen Material (vorzugsweise Sichtbeton), seiner abweisenden Unantastbarkeit - um das Ding an sich.

          Der windungsreiche Text und die Projektauswahl des neuen Prestel-Bandes zeugen von hochgradiger Intelligenz. Doch diese Gottesgabe wird zu einem Problem für den Leser, wenn er bestimmte Fragen beantwortet wissen möchte. Hat beispielsweise der architektonische Minimalismus von heute Vorgänger in der Bildenden Kunst, in der amerikanischen Minimal Art der sechziger und siebziger Jahre? Die vier Verfasser beziehen sich laufend auf architekturverwandte Züge der Minimal Art, auf die Addition gleicher oder ähnlicher Elemente, auf ihren umstandslosen Auftritt, auf die Abstinenz von Bedeutung. Auch haben sich Minimal-Künstler vielfach auf das Bauen eingelassen oder - wie Donald Judd - selber Architektur produziert. Andererseits begründet Philip Ursprung, einer der Autoren, fintenreich, warum die Architekturnähe der Minimal Art nichts anderes als ein Denkklischee sei.

          Offensichtlich liegt dem Buch ein unbedingter Glaube an die Geltungskraft von Stilen zugrunde. Sie werden hier nicht als bequeme Verabredungsbegriffe gehandhabt, sondern mit heiligem Ernst und bewundernswertem Scharfsinn definiert, als lebten wir noch in der Generation Heinrich Wölfflins oder Wilhelm Pinders. Von Stilen können die Autoren nicht genug haben. Ob sie auch deshalb den einen Minimalismus gleich in mehrere Minimalismen zerlegt haben, deren zahlreiche weitere Unterabteilungen vielfältige Zuordnungsspiele erlauben?

          Was andere Leute bisher unter Minimalismus verstanden, heißt in diesem Buch "essential minimalism" und wird vergleichsweise kurz abgehandelt - in englischer Sprache übrigens, wie der gesamte Text der deutschen Autoren nur englisch erscheint. Zu den Vertretern der Abteilung Essentialismus gehören Baumeister wie Tadao Ando, Peter Zumthor (der lediglich mit einem kleinen Referenzfoto vertreten ist; behagte ihm die Einordnung nicht?) und einige seiner alpenländischen Kollegen. Doch schon Peter Märkli oder Florian Riegler sind nicht aufgenommen worden.

          Minimalisten dieser Spezies führen das Bauen auf seine Essenz zurück. Sie holen das Holzhafte aus dem Holz und das Steinmäßige aus dem Stein heraus, bewahren im neu Gebauten die Erinnerung ans alte Wahre, lassen jeden Gang durch ihre auratischen Bauten zu einem Initiationsritus werden, stellen sich schweigsam jedem visuellen Lärm entgegen. Daß es auch hier im falschen Leben kein wahres gibt, machen die Essays deutlich. Auch Minimalismus ist nur eine von vielen Stimmen im weißen Rauschen der Konsumwelt. Und was wäre besser geeignet, Dessous von Calvin Klein oder Schuhwerk von Prada wie Kultobjekte zu inszenieren, als minimalistisches Boutiquen-Design?

          Meta-Minimalismus nennen die Autoren die Arbeit einer zweiten Gruppe. Hier herrschen Konzepte und optische Tricks statt des Materialkults vor. Die Masse der Quader oder Würfel wird weggespiegelt, eingegraben, überblendet. Leuchtend irisierende Aufstockungen überführen auch die älteren Sockelbauten in scheinbare Immaterialität. Tatsächliche Ausschnitte und Durchblicke konkurrieren mit bloß reflektierenden Partien. Zwischen Realität und Spiegelung entsteht so ein irritierendes Wechselverhältnis, das immerhin noch vergleichbar den Irritationen ist, die Minimal Art einst in ihren Umgebungen hervorrief.

          Die Architekten von Shigeru Ban bis Zaha Hadid, die im letzten Teil des Buches paradieren, werden unter einem dritten Etikett, Trans-Minimalismus, vorgestellt. Mit Minimalismus hat dieser Minimalismus nur insofern zu tun, als er keiner ist. Einzelnen Eigenschaften, wie sie von Ando bis Zumthor gepflegt worden sind, stellen die Meta-Minimalisten gegenteilige Eigenschaften entgegen. Rem Koolhaas, dessen "schmutzigen Realismus" man zu allerletzt in einem Buch über Minimalismus vermutete, antwortet auf die asketischen Waren-Inszenierungen des noblen Fashion Design mit überfüllten Shops und ordinären Dekorationen. Er wolle damit den Blick auf die Grenzen zwischen Innen und Außen, Konsum und Kultur schärfen wie es weiland die Kuben und Quadrate der Minimal Art taten, wenn auch mit konträren Mitteln. Ob das nicht ein bißchen wenig an Gemeinsamkeit bedeutet?

          Was Minimalismus ist, weiß man nach der Lektüre des Buches weniger als zuvor. Aber man weiß es nun auf einem höheren Niveau nicht. Minimalismus scheint, weil er so einfach ist, etwas sehr, sehr Schwieriges zu sein und mehr mit Erkenntnistheorie zu tun zu haben als mit geschliffenem Sichtbeton.

          Ilka & Andreas Ruby, Angeli Sachs, Philip Ursprung: "Minimal Architecture". Prestel Verlag, München 2003. 176 S., 230 Farb- u. S/W-Abb., geb., 59,- [Euro].

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