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Wie entstehen gute Manieren? Die Antwort des kolumbianischen Aphoristikers und programmatischen Reaktionärs Nicolás Gómez Dávila (1913 bis 1994) lautet lapidar: "aus der Übertragung der Umgangsformen gegenüber Höhergestellten auf den Umgang unter Gleichen".Mit diesem Spruch eröffnet die Kulturanthropologin Dagmar Burkhart ihre "Geschichte der Ehre".

          Wie entstehen gute Manieren? Die Antwort des kolumbianischen Aphoristikers und programmatischen Reaktionärs Nicolás Gómez Dávila (1913 bis 1994) lautet lapidar: "aus der Übertragung der Umgangsformen gegenüber Höhergestellten auf den Umgang unter Gleichen".

          Mit diesem Spruch eröffnet die Kulturanthropologin Dagmar Burkhart ihre "Geschichte der Ehre". Er gibt ihr die Gelegenheit, am bekannten Beispiel des Vortritts auszuführen, welche Welten zwischen den guten Manieren von gestern und dem Ehrverhalten von vorgestern liegen. Was in der modernen Gesellschaft eine Frage der Höflichkeit ist, ist in der Ständegesellschaft eine Frage der Ehre: Vortritt bedeutet Vorrang, und wer ihn verwehrt, lässt es nicht einfach an Anstand vermissen, sondern bricht, wie Brünhild vor dem Dom zu Worms, einen Machtkampf vom Zaun.

          Den langen Weg von dieser homogenen, an subtiler und brachialer Symbolik reichen Ehrkultur bis zur modernen Widersprüchlichkeit von rationalistischer Ehrverachtung und übersteigertem Ehrgefühl nachzuzeichnen, nimmt sich die Autorin vor. Entstanden ist ein sprachlich solides und mit bloß zweihundert Seiten handliches Buch, das jedoch thematisch weit ausufert und seinen faszinierenden Stoff einfach nicht in den Griff bekommen will.

          Die Probleme beginnen schon beim Aufbau. Nach einer Einleitung, die das semantische Feld der Ehre grob absteckt, folgt ein knapp hundertseitiges Kapitel zur Geschichte der Ehre in Deutschland vom Mittelalter bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts, dessen innere Gliederung den Blick auf die langfristigen Konstanten und Variablen des Ehrverhaltens eher verstellt als erhellt. So kommt das auf dem Umschlagbild groß angekündigte Thema des Duells in drei verschiedenen Unterkapiteln zur Sprache, wodurch der Eindruck entsteht, die Duellkritik habe erst mit der Aufklärung richtig eingesetzt. Anschließend widmet sich die Autorin der "Entwicklung des Ehrbegriffs seit 1945", wiederum in nationaler Perspektive, wobei sie zu Beginn die bei diesem Thema zentrale Theoriediskussion nachreicht und danach im Galopp durch Politik, Justiz, Wirtschaft, Kultur, Sport, Medien, Kirche und Nation prescht - und die Frage nach der Funktionalität der Ehre in der Nachkriegsgesellschaft fast auf der Strecke lässt. Erst ganz zum Schluss geht der Blick über Deutschland hinaus und überfliegt, eine absteigende zivilisatorische Kurve ziehend, Russland und die "Honour and Shame"-Gesellschaften der islamischen Welt; hier erst sieht Burkhart den Moment gekommen, den Zusammenhang von Ehre und Geschlecht anzusprechen, als sei er in der westeuropäischen Kultur irrelevant.

          Die Schwierigkeiten beim Aufbau verweisen auf tiefer greifende Defizite methodischer und inhaltlicher Art. Warum die Autorin bei der Universalität ihres Themas eine größtenteils nationalgeschichtliche Betrachtung wählt, bleibt ihr Geheimnis. Generell hält sie sich mit Erläuterungen zu ihrem Vorgehen zurück und zieht es vor, alle möglichen Aspekte zu streifen, die mit der Ehrthematik in Berührung kommen. Dabei spricht sie auch eine Vielzahl literarischer Werke an, interpretiert aber kaum eines. Überrascht stößt man auf ein "erstes Handbuch für Hofleute" aus der Feder des Enea Silvio Piccolomini, das bei der Einführung des Hofzeremoniells an der Kurie wichtig gewesen sein soll, aber nicht einmal Spezialisten des Humanistenpapstes bekannt ist. Wenn dann auch noch Baldassare Castiglione, der in seinem berühmten Dialog über den "Hofmann" unterschiedliche Rollenideale diskutieren lässt, ohne selber Position zu beziehen, als "Ideologe" etikettiert wird, stellen sich vollends Zweifel ein, ob die Autorin die Literatur kennt, die sie bespricht.

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