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Geschichte der Einigungskriege : Wir sind die Urenkel Preußens

Die Sieger: Bismarck, Moltke, Roon und Wilhelm I. auf einen Schlachtenbild zum Deutsch-Französischen Krieg Bild: Picture-Alliance

Vor hundertfünfzig Jahren beendete der Friede von Frankfurt den Deutsch-Französischen Krieg. Der Historiker Christoph Jahr zeigt, wie Bismarcks Strategie von „Eisen und Blut“ zur Gründung des Deutschen Kaiserreiches führte.

          3 Min.

          Dass Deutsche in Österreich oft abfällig als Piefkes bezeichnet werden, weiß fast jeder, der einmal dort war. Aber nur wenige wissen, dass der Ausdruck auf Johann Gottfried Piefke zurückgeht, den Komponisten des „Königgrätzer Marschs“, der zusammen mit seinem Bruder Rudolf am 31. Juli 1866 auf dem Marchfeld bei Wien die Militärkapelle bei der Siegesparade dirigierte, mit welcher der Preußisch-Österreichische Krieg offiziell endete. Das Piefke-Denkmal schließlich – eine „Klangskulptur aus Cortenstahl“ –, das die Kleinstadt Gänserndorf, auf deren Territorium die Parade stattfand, zur Erinnerung an die Brüder errichten ließ, kennen sicher die allerwenigsten.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Christoph Jahr macht uns beiläufig damit bekannt. Die Piefke-Story ist nur eine von vielen Anekdoten, die Jahr in seiner Geschichte jener drei bewaffneten Konflikte erzählt, die in die Proklamation des Deutschen Kaiserreichs am 18. Januar 1871 mündeten: des Deutsch-Dänischen, des Preußisch-Österreichischen und des Deutsch-Französischen Krieges. Die traditionelle Geschichtsschreibung hat sie rückblickend unter dem Begriff der „Deutschen Einigungskriege“ zusammengefasst. Jahr bricht mit dieser Tradition und bestätigt sie zugleich.

          Kein Glaube an die großen Männer

          Einerseits stellt er fest, dass die Einigung, die in Versailles besiegelt wurde, „zu keinem Zeitpunkt alternativlos“ und also keine historische Notwendigkeit gewesen sei, wie die borussische Geschichtsschreibung seit Treitschke und Sybel behauptet hat. Andererseits gibt schon der Untertitel seines Buches zu, dass Preußen zwischen 1864 und 1870 eben doch „Deutschland erzwang“, also eine Lage herbeiführte, in der das Kaiserreich unvermeidlich wurde.

          Preußen, nicht Bismarck. Denn Christoph Jahr glaubt nicht an die großen Männer der Geschichte, an Moltke, Bismarck, Roon und ihresgleichen oder besser: Er bemüht sich, ihre Rolle kleinzuhalten. Darum ist für ihn die berühmte Emser Depesche, mit der Bismarck die Regierung Napoleons III. zur Kriegserklärung trieb, „nur dekoratives Beiwerk“, und deshalb nimmt er die politischen Volten des preußischen Kanzlers im Parlament des Norddeutschen Bundes weniger wichtig als die Proteste seiner politischen Gegner, des Publizisten Moritz Hartmann, des Dichters Ferdinand Freiligrath oder des holsteinischen Diplomaten Rudolf Schleiden. Immerhin muss auch Jahr den historischen Tatsachen, die er auf seinem Rundgang streift, Tribut zollen, und so räumt er ein, dass die von Droysen und Duncker erarbeitete Bundesverfassung von Prinzipien ausging, die auch im Kaiserreich Bestand hatten und den deutschen Föderalismus bis heute prägen. Die Bundesrepublik, ein Urenkel Preußens? So darf man das sehen.

          Auch die „heute show“ kommt vor

          Viel lieber aber bestellt der Autor das weite Feld des Interessanten. Hans von Kretschmann zum Beispiel, der als Hauptmann und Kompaniechef am Böhmen-Feldzug von 1866 und als Generalstabsoffizier am Deutsch-Französischen Krieg teilnahm und aus dessen Erinnerungen Jahr ausgiebig zitiert, war der Vater der im Kaiserreich berühmten Frauenrechtlerin Lily Braun, deren Großnichte Marianne von Kretschmann als Ehefrau Richard von Weizsäckers die deutsche Wiedervereinigung sozusagen bundespräsidential begleitete. Es ist nicht die einzige Stelle des Buches, an der man „dolles Ding!“ oder „parbleu!“ rufen möchte.

          Auch die „heute show“ kommt in „Blut und Eisen“ vor (weil Oliver Welke einmal einen Königgrätz-Witz machte, den das Studiopublikum nicht verstand), und wenn der königlich-bayerische Infanterist Florian Kühnhauser an Heiligabend 1870 den „vaterländischen Charakter“ des weißblauen Christbaumschmucks preist, fällt Jahr gleich die Reichskriegsweihnacht von 1942 ein, als die deutschen Landser vom Atlantikwall bis nach Stalingrad per Live-Schaltung das traute hochheilige Paar besangen.

          Bismarcks politische Schachpartie mit den Liberalen

          „Blut und Eisen“, anders gesagt, ist das Gegenteil von Dennis Showalters klassischer Studie von 2004, in der die „Wars of German Unification“ als Kreuzungspunkt der militärischen, industriellen und politischen Entwicklungen des neunzehnten Jahrhunderts beschrieben wurden. Und es ist diese konzeptionelle Vagheit, welche die Lektüre dieses gründlich recherchierten und angenehm dahinplätschernden Buches am Ende doch zur Mühsal macht. Christoph Jahr hat zu jedem Ereignis ein passendes Zitat, aber selten eine triftige Einschätzung parat; er kann wunderbar über die Entstehung der Erbswurst fabulieren, aber die Genese etwa des Gegensatzes zwischen Alt- und Nationalliberalen, der die Geschichte Deutschlands nach 1871 prägen sollte, bleibt ihm fremd.

          Dabei steckt in der politischen Schachpartie mit dem Liberalismus, den Bismarck matt setzte, indem er dessen nationales Einigungsprogramm auf außerparlamentarischem Weg verwirklichte, der Ursprung der Formel von Eisen und Blut, die der Buchtitel polemisch umdreht. Bismarck aber meinte tatsächlich Eisen, also Macht in erster und Blutvergießen erst in zweiter Linie. Er war so sehr Clausewitzianer, dass sich sein Monarch nach dem raschen Friedensschluss mit Österreich beschwerte, er habe ihm seinen Triumph nicht gegönnt.

          In seiner Schlussbetrachtung wagt Jahr noch einmal den Tigersprung in die Gegenwart. Die Dynamik der Reichseinigung, die noch im Abstand von hundertfünfzig Jahren „etwas Rauschhaftes“ habe, vergleicht er mit der „rauschhaften Eile“ der Wiedervereinigung, bei der sich die Bevölkerung der DDR „fast besinnungslos“ in die Arme der Bundesrepublik geworfen habe. Das aber heißt tatsächlich, Erbswürste mit Bananen zu vergleichen. Denn die Einheit von 1990 war weder ein militärischer noch ein gänzlich selbstbestimmter Vorgang, sie musste mit den vier Besatzungsmächten erst ausgehandelt und durch zahlreiche gesetzliche Neuregelungen juristisch vollzogen werden. An die Stelle von Eisen und Blut trat die Druckerschwärze der Paragraphen. Darin liegt ein historischer Fortschritt, den Christoph Jahr zugunsten einer Pointe übersieht.

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