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Biographie von Reinhard Höhn : Vom NS-Juristen zum Pionier der Unternehmensberatung

  • -Aktualisiert am

Eine Nationalsozialistentagung in Bad Harzburg, 1931: Ausgerechnet hier eröffnete Reinhard Höhn 25 Jahre später seine Akademie der Unternehmensberatung. Bild: Picture-Alliance

Alexander O. Müller hat eine Biographie von Reinhard Höhn veröffentlicht. Darin beschreibt er den Aufstieg, die Arbeit und die Rehabilitation des ehemaligen SS-Offiziers – und spart nicht an Details.

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          Ausgerechnet im Jahr 1968 soll der ehemalige SS-Oberführer Reinhard Höhn bei Helmut Kohl „Bestätigung“ gesucht haben? Wäre dies schon 1985 bekannt gewesen, es hätte für nicht wenige Kritiker Kohls zu dem umstrittenen Auftritt in Bitburg gepasst. So steht es jetzt, zumindest auf den ersten Blick, in der ersten wissenschaftlichen Biographie Reinhard Höhns von Alexander O. Müller. Liest man ein zweites Mal nach, ist es weniger spektakulär: Höhn hatte sich lediglich in seiner „Akademie für die Führungskräfte der Wirtschaft“ in Bad Harzburg positiv auf die Verwaltungsreform des damaligen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten bezogen.

          Etwas unscharfe Passagen finden sich leider zuweilen in der sich ansonsten durch Sachlichkeit auszeichnenden Biographie. Dass sich Müller dem schillernden Höhn ohne Skandalisieren, Moralisieren oder gar Exkulpieren nähert, zählt zu den Stärken des Buches.

          Eine Biographie über Höhn ist mehr als eine weitere Studie über die Banalität des Bösen oder die Generation der Unbedingten, zumal sie auch einen wichtigen Aspekt bundesdeutscher Nachkriegsgeschichte beschreibt. Als Höhn im Jahr 2000 im Alter von 95 Jahren starb, verfasste Uwe Wesel in dieser Zeitung einen Nachruf, in dem bei Kritik und Distanz auch ein wenig Respekt zu erkennen war. Wesel nannte Höhn den „Letzten“, nämlich der nationalsozialistischen Juraprofessoren. Im Gegensatz zu den älteren Kollegen war Höhn nie in der „Systemzeit“ Professor gewesen, erst 1934 hatte sich der 1904 in einem bürgerlichen Juristenhaushalt in Sachsen-Meiningen geborene Höhn in Heidelberg habilitiert, um wenig später an die Berliner Universität berufen zu werden. Die juristische Qualifikation und die Intelligenz des von der Jugendbewegung und dem Jungdeutschen Orden zur NSDAP gekommenen Höhn standen außer Zweifel, doch war der überzeugte und ehrgeizige Nationalsozialist bei vielen Parteigenossen umstritten, da er als intrigant galt.

          Abtauchen nach dem Krieg

          In Berlin verband Höhn mit Carl Schmitt ein von wechselseitigem Misstrauen geprägtes Verhältnis, und tatsächlich intrigierte Höhn konsequent gegen den ihm zu etatistischen Schmitt; Höhn argumentierte mehr mit dem „Volk“ als dem „Staat“, hielt (zu Recht, aber mit anderen Folgerungen) Nationalsozialismus und „bürgerlichen Rechtsstaat“ für unvereinbar und arbeitete in diesem Sinn an einem nationalsozialistischen Polizeirecht. Müller spart auch Höhns Privatleben als privilegierter SS-Offizier nicht aus und zeigt dabei Detailfreude; so erfährt der Leser nicht nur vom zeitweiligen Nachbarn Theo Lingen und vom Auto, einem „neu angeschafften Mercedes 170 V“, sondern auch gleich die Automarken der Parteiprominenz.

          Alexander O. Müller: „Reinhard Höhn“. Ein Leben zwischen Kontinuität und Neubeginn. be.bra wissenschaft verlag, Berlin 2019. 337 S., Abb., geb., 47,90 €.

          Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte Höhn Beweglichkeit. Unter dem Decknamen „Rudolf Haeberlein“ arbeitete „der stets gut angezogene Mann“ auf einem Bauernhof im westfälischen Rixbeck bei Lippstadt als niedergelassener Heilpraktiker, bei dem „die Kundschaft Schlange“ stand. Müller beschreibt anschaulich ein in der Nachkriegszeit keineswegs seltenes Familienleben unter falscher Identität. Anders als der wohl prominenteste Fall, der als linksliberaler Literaturwissenschaftler bis zum Rektor der RWTH Aachen aufgestiegene SS-Hauptsturmführer Hans-Ernst Schneider alias „Hans Schwerte“, hielt sich Höhn jetzt von der Universität fern.

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