https://www.faz.net/-gr3-9tqcc

Biographie von Reinhard Höhn : Vom NS-Juristen zum Pionier der Unternehmensberatung

  • -Aktualisiert am

Die alten Netzwerke funktionierten aber noch, 1951 war Höhn sogar bei der Evangelischen Akademie Bad Boll als „Militärhistoriker“ zu Gast. Wenig später hatte Carl Schmitt erfolglos versucht, in diesem Milieu Fuß zu fassen, gegen seinen Auftritt an der Evangelischen Akademie Herrenalb protestierte aber die protestantische Prominenz bis zu Hermann Ehlers und Gustav Heinemann; der radikalere, aber wohl auch geschicktere Höhn blieb unbeachtet. Er nahm unter gewiefter Ausnutzung der Rechtslage in mehreren Bundesländern 1950 den alten Namen an, praktizierte in Hamburg teilweise als „Professor Höhn“ (was von der Ärztekammer gerügt wurde) und eröffnete, ausgerechnet in Bad Harzburg, 1956 seine „Akademie der Führungskräfte der deutschen Wirtschaft.“

Vom NS-Juristen zum Unternehmensberater

Höhn kann zu den Pionieren der Unternehmensberatung in der Bundesrepublik gerechnet werden. Seine Biographie ist aber auch exemplarisch für eine große Zahl junger Männer (und Frauen), die in Wehrmacht, Partei und deren Unterorganisationen ihre Berufung als „Menschenführer“ ausleben konnten und sich ab 1945 eine neue berufliche Existenz aufbauen mussten. Höhn war da mit seinem „Harzburger Modell der Unternehmensführung“ besonders erfolgreich. Er arbeitete mit der Wirtschaft, den Gewerkschaften und der öffentlichen Verwaltung zusammen, die Führung als Konstante seines Lebens war vom völkischen Großraum in den Kleinraum des Betriebs gerutscht, statt über Scharnhorst schrieb Höhn jetzt über „Die Sekretärin und der Chef“ oder „Führung im Mitarbeiterverhältnis“.

Auch die Bundeswehr griff zunächst auf Höhns Expertise zurück, was aber früh in Ost und West kritisiert wurde. Höhn besaß aber auch unverdächtige Fürsprecher bis in die SPD (so der zeitweilige Bundestagsvizepräsident Hermann Schmitt-Vockenhausen), und selbst ein zeitweiliger SPD-Renegat wie Uwe Wesel hielt es in seinem Nachruf nicht für ausgeschlossen, dass der SS-Veteran „vielleicht sogar gelernt (hat), dass die Würde des Menschen unantastbar ist“. Darauf hätte Müller noch mehr eingehen können.

Ein Autor steht nicht im Literaturverzeichnis, ist aber mittelbar höchst präsent: Hans-Ulrich Wehler. Der Bielefelder Historiker hatte im letzten Band seiner deutschen Gesellschaftsgeschichte das bundesdeutsche Wirtschaftswunder auch auf eine allgemeine „Leistungsmobilisierung“ im Zweiten Weltkrieg zurückgeführt, „die man bloß zu entnazifizieren brauchte, damit sie dem Wiederaufbau der Bundesrepublik zustatten kam“. Bei Wehler war von einer Generation die Rede, die glücklich war, „endlich ohne Kugeln beweisen zu können, was sie wirklich konnte“. Zählt Höhn, dessen militärische Karriere trotz zahlreicher „soldatischer“ Veröffentlichungen allerdings überschaubar blieb, auch dazu? Zwischen Sozialgeschichte und historischer Biographie bestehen immer noch methodische Berührungsängste. Diese Biographie zeigt auf, wie sich beide ergänzen könnten.

Alexander O. Müller: „Reinhard Höhn“. Ein Leben zwischen Kontinuität und Neubeginn. be.bra wissenschaft verlag, Berlin 2019. 337 S., Abb., geb., 47,90 €.

FAZ.NET komplett

Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

Mehr erfahren

Weitere Themen

Eine Familie voller Freaks Video-Seite öffnen

Filmkritik „Ema“ : Eine Familie voller Freaks

„Ema" ist intensiv und fesselnd, aber nichts für Spießer. Regisseur Pablo Larrain inszeniert ein Drama der besonderen Sorte, das seinem Ruf als Genie endlich gerecht wird, urteilt F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath in der Video-Filmkritik.

Die Kunstfigur

FAZ Plus Artikel: Sawsan Chebli : Die Kunstfigur

Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli kämpft gegen Rassismus und für Frauenrechte. Nun will sie in den Bundestag. Viele Genossen finden das unerhört, andere schwärmen für sie. Wer ist die Frau?

Topmeldungen

Abgeordnete im Deutschen Bundestag

Corona-Kompetenzen : Die Gesetze macht immer noch der Gesetzgeber

Beim Streit über die Kompetenzen des Bundestages geht es um mehr als nur um Formalitäten. Die Debatte ist auch eine Abrechnung mit der Art, wie die Corona-Politik bisher zustande gekommen ist.
Schönau am Königssee: Alle Touristen mussten den Landkreis Berchtesgadener Land bis zum Beginn des Lockdowns verlassen. (Archivbild)

Lockdown am Königssee : Jetzt ist auch für den Tourismus Schluss

2500 Gäste mussten bis 14 Uhr den Landkreis Berchtesgadener Land verlassen. Bergbahnen und Ausflugsschiffe stehen still. Bei den Einheimischen macht sich Wut breit – über all jene, die den Lockdown durch ihr sorgloses Verhalten provoziert haben.
Ein Kühlschrank mit kostenlosen Lebensmitteln im Stadtteil Brooklyn.

Lebensmittelversorgung : Von New Yorkern für New Yorker

In New York stehen auf den Bürgersteigen Kühlschränke mit kostenlosen Lebensmitteln. In Zeiten der Corona-Krise ist die Nachfrage danach immens. Das Konzept ist unkomplizierter als die Tafeln.
Netflix: Keine besonders guten Zahlen für die Kalfornier

Weniger Neukunden als erwartet : Corona-Kater für Netflix

Netflix hat zwar weiter Neukunden während der Corona-Krise gewinnen können, doch die eigene Prognose wurde verfehlt. Auch für die Zukunft plant das kalifornische Unternehmen vorsichtig. Die Aktie sank.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.