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Leben einer Astrophysikerin : In den Spektren lag die Lösung

Rastlos auf der Suche nach Erkenntnis: Cecilia Payne-Gaposchkin im Harvard College Observatory. Bild: akg-images /Science Photo Librar

Eine brillante Astrophysikerin, deren revolutionäre Entdeckung der Zeit voraus war: Eine Biographie stellt Cecilia Payne-Gaposchkin und ihr unnachgiebiges Streben nach Wissen vor.

          4 Min.

          Das tiefe Bedürfnis, die Vielfalt der Natur in einen verstehbaren Zusammenhang zu bringen und eine Ordnung zu entdecken in dem, was wir in der Welt um uns vorfinden, durchzieht die Menschheitsgeschichte. Es erfasst Männer wie Frauen, im Kern hat es mit dem Geschlecht kaum etwas zu tun – auch wenn ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte das Gegenteil nahezulegen scheint. Die geläufigen Pioniere der Forschung sind dort fast ausnahmslos männlich. Nach wie vor schrecken Studenten in den Physikvorlesungen überrascht auf, wenn sich doch einmal ein Frauenname in den Lehrplan verirrt.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Emmy Noether, Lise Meitner, Marie Curie – die Liste der bekannten weiblichen Genies ist übersichtlich. Dass dies nicht nur an den damaligen gesellschaftlichen Umständen liegt, die es Frauen in der Wissenschaft schwermachten, ihrer Berufung zu folgen, sondern tatsächlich auch an unserer selektiven Erinnerungskultur, zeigt die nun erschienene Biographie der Physikerin und Astronomin Cecilia Payne-Gaposchkin des amerikanischen Autors und Journalisten Donovan Moore.

          Aristoteles, Newton und eine Unbekannte

          Moore selbst war auf Payne-Gaposchkin zufällig auf den Präsentationsfolien einer Astrophysik-Vorlesung gestoßen. Dort war sie zusammen mit Aristoteles und Newton abgebildet – und dem Autor völlig unbekannt. Tatsächlich dürfte kaum jemandem geläufig sein, dass Payne-Gaposchkin zu den brillantesten Astrophysikern des vergangenen Jahrhunderts gehört. Sie entdeckte, dass unsere Sonne zum größten Teil aus Wasserstoff besteht, eine heute zentrale astrophysikalische Erkenntnis. Dies gelang ihr, indem sie als eine der Ersten neue Erkenntnisse der Mikrophysik mit astronomischen Beobachtungen kombinierte. Der Weg zu ihren astrophysikalischen Durchbrüchen – das schildert das Buch ausführlich – war allerdings erwartbar schwierig.

          Am 10. Mai 1900 kam Cecilia Payne als Erstgeborene des Anwalts Edward Payne und der Malerin Emma Pertz in London zur Welt. Ihr kindlicher Wissensdurst entzündete sich in jungen Jahren an der Botanik, wodurch sie ihre klassifikatorischen Fähigkeiten früh schulte. Als außergewöhnlich talentierte und eigensinnige Schülerin fand sie einerseits immer wieder Mentoren, machte sich mit ihrer fordernden Art andererseits aber auch viele Feinde. Mit sechzehn Jahren wurde sie der Schule verwiesen und hatte Glück, trotz des Rauswurfs das letzte Jahr ihrer Ausbildung in der St. Paul’s Mädchenschule absolvieren zu dürfen.

          Dort wurde sie zum ersten Mal zu wissenschaftlichen Studien ermutigt und blühte unter dem Einfluss fachlich geschulter Lehrer so auf, dass sie schließlich den Aufnahmetest zum Studium in Cambridge erfolgreich bestand. Frauen konnten dort seit 1871 zwar studieren, allerdings ohne einen formalen Abschluss zu erlangen. Cecilia begann ihr Studium 1919 mit der Fächerkombination Botanik, Physik und Chemie.

          Ein Vortrag als Wendepunkt

          Im Dezember dieses Jahres hörte sie einen Vortrag des bekannten Astronomen Arthur Eddington über seine Afrika-Expedition, die er unternommen hatte, um die Vorhersagen der Einsteinschen Allgemeinen Relativitätstheorie anhand der Beobachtung einer Sonnenfinsternis zu prüfen – ein Erlebnis, das ihr schlaflose Nächte bereitete und ihre Interessen nachhaltig von der Botanik zur Physik umlenkte. Im Cavendish Labor, angeleitet durch Lehrer wie Ernest Rutherford, erhielt sie daraufhin Einblicke in die damals neu entstehende Physik des Mikrokosmos.

          Die totale Sonnenfinsternis 1919 erlaubte es Arthur Eddington, Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie auf die Probe zu stellen.

          Da die Astronomie in Cambridge formal zur Mathematik gehörte, konnte Cecilia ihre neue Leidenschaft neben der Physik zunächst nur privat verfolgen, bis sie im Cambridge Observatorium zufällig erneut auf Arthur Eddington traf, der sie daraufhin unter seine Fittiche nahm. Cecilias akademischer Weg hätte in England allerdings nicht weiterführen können als bis zu einer Tätigkeit als Schullehrerin – Grund genug für Cecilia, mit einem befreundeten Astronomen in die Vereinigten Staaten zu reisen, um sich von ihm am Harvard College Observatory dem dortigen neuen Direktor Harlow Shapley vorstellen zu lassen.

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