https://www.faz.net/-gr3-a0s75

Leben einer Astrophysikerin : In den Spektren lag die Lösung

In Harvard hatte es unter Edward Charles Pickering seit den späten 1880er Jahren bereits die Tradition gegeben, Frauen in der Astronomie als „Computer“, als billige Arbeitskräfte, zur Auswertung stellarer Spektren einzusetzen. Nach ihrem Treffen und auf Empfehlung Eddingtons holte Shapley Cecilia Payne für ein mageres Stipendium an sein Observatorium, wo sie im Herbst 1923 ankam, um ihrem Traum einer Forscherkarriere zu folgen. Ihr Vorhaben: die Anwendung des physikalischen und chemischen Wissens, das sie im Cavendish Lab erlangt hatte, in der Analyse der in Harvard gesammelten Sternspektren. Das passte gut zu Shapleys Plänen, der aus dem Observatorium ein Astronomie-Institut machen wollte und dafür eine erfolgreich bei ihm abgeschlossene Promotion benötigte.

Ein unumstößliches Prinzip?

Cecilia Payne widmete sich daraufhin intensiv der Auswertung von Spektren. Es gelang ihr, die Spektralklassen der Sterne zu deren Temperaturen in Beziehung zu setzen und daraus ihre chemische Zusammensetzung abzuleiten. Die Häufigkeit, die sie dabei für Wasserstoff erhielt, lag allerdings millionenfach höher als auf der Grundlage der irdischen Zusammensetzung erwartet. Dass alle Himmelskörper chemisch gleich beschaffen sein sollten, war wiederum ein unumstößliches Prinzip ihres früheren berühmten Mentors Eddington gewesen.

Unfähig, einen Fehler in ihren Rechnungen zu finden, reichte sie 1925 ihre Arbeit mit diesem Ergebnis ein – veröffentlicht wurde diese aber mit dem von ihrem Gutachter Henry Noris Russel geforderten und von ihr lebenslang bereuten Zusatz, dass die erstaunlichen Wasserstoffwerte „nahezu sicher nicht real“ seien. Vier Jahre später kam Russell schließlich auf anderem Wege zum selben Ergebnis. Erst sein Resultat überzeugte die astronomische Community davon, dass Wasserstoff tatsächlich das bei weitem häufigste Element im Universum ist.

Später Ruhm

Cecilia Paynes akademischer Ruhm wuchs davon unabhängig schnell, auch wenn sich ihr internationales Ansehen in Harvard unter Harlow Shapley nur sehr zögerlich in entsprechende Vergütung und Verantwortlichkeiten umsetzte. Nach privaten Schicksalsschlägen heiratete sie 1934 überraschend einen mittelmäßig begabten russischen Astronomen, der sich zwar in den folgenden Jahren um die gemeinsamen Kinder kümmerte, während seine Frau weiter unablässig forschte, aber angesichts eines schwierigen Charakters als familiärer Anhang auch einige Probleme verursachte. Erst 1956 erhielt Cecilia Payne-Gaposchkin als erste Frau eine volle Professur an der Universität Harvard und wenig später die Leitung eines eigenen Instituts. Als sie am 7. Dezember 1979 starb, wurde sie im Nachruf der Royal Astronomical Society als „wohl bedeutendste Astronomin aller Zeiten“ gewürdigt. Bereits 1962 hatte der Astronom Otto Struve ihre Doktorarbeit als „brillanteste Arbeit, die jemals in der Astronomie geschrieben wurde“, bezeichnet.

Cecilia Payne-Gaposchkin war eine für ihre Zeit überraschend fortschrittliche Frau. Die Biographie lässt den Leser mit der Frage zurück, wie ihre überragenden wissenschaftlichen Fähigkeiten und Leistungen mit ihrer geringen Bekanntheit zusammenzubringen sind. Dass es weibliche Vorbilder in der Geschichte der Naturwissenschaften durchaus gibt, auch wenn ihre Zahl durch den Einfluss der ihnen begegnenden massiven Widerstände entsprechend klein ausfällt, ist beruhigend und motivierend für alle, die ihnen nachfolgen wollen. Denn was das Buch vor allem auch zeigt, ist, wie gewaltig menschlicher Wissensdurst und Forschungsdrang sein können – bei Frauen wie bei Männern.

Donovan Moore: „What Stars Are Made Of“. The Life of Cecilia Payne-Gaposchkin. Harvard University Press, Cambridge 2020. 320 S., geb., 27,– €.

Weitere Themen

Mit Plattitüden gegen die Pandemie

TV-Kritik: Anne Will : Mit Plattitüden gegen die Pandemie

Wer die gegenwärtige Misere der Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erleben wollte, bekam bei Anne Will einen bemerkenswerten Anschauungsunterricht. Eine Debatte fand nicht statt, stattdessen gab es ein Poesiealbum von Allgemeinplätzen.

Topmeldungen

Das türkische Forschungsschiff Oruç Reis im Hafen von Antalya

EU ringt um Türkei-Sanktionen : Bleibt der osmanische Korsar im Hafen?

Soll die EU die Türkei mit Sanktionen belegen, weil sie in einem von Griechenland beanspruchten Teil des östlichen Mittelmeers nach Öl- und Gasverkommen sucht? Die EU-Staaten sind in dieser Frage gespalten.
Wo geht es lang? Wegweiser zu einer kommunalen Zulassungsstelle

Warten aufs Nummernschild : Chaos in der Zulassungsstelle

Wer sein Auto zulassen will, muss wegen der Corona-Einschränkungen teils wochenlang auf einen Termin beim Amt warten. Bürger verzweifeln, Händler und Industrie toben. Was läuft da schief? Ein Ortstermin.
Corona-Debatte bei Anne Will

TV-Kritik: Anne Will : Mit Plattitüden gegen die Pandemie

Wer die gegenwärtige Misere der Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erleben wollte, bekam bei Anne Will einen bemerkenswerten Anschauungsunterricht. Eine Debatte fand nicht statt, stattdessen gab es ein Poesiealbum von Allgemeinplätzen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.