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Leonhard-Frank-Biographie : Der Traum vom wahren Leben

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Leonhard Frank 1957 Bild: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Ist der Mensch gut, oder isst er nur gut? Katharina Rudolph schreibt die erste Biographie des Schriftstellers und Herzens-Sozialisten Leonhard Frank.

          5 Min.

          Leben und Werk des Schriftstellers Leonhard Frank (1882 bis 1961) umspannen alle Epochen der deutschen Geschichte, vom Kaiserreich bis in die frühen Jahre der Bundesrepublik. In ihrer gut recherchierten, oft spannend erzählten Biographie zeigt Katharina Rudolph die Spuren, die er in jeder dieser Epochen hinterlassen hat.

          Das gilt allerdings auch umgekehrt – Franks Werke tragen die Spuren der jeweiligen Epoche, in der sie entstanden sind. Doch obwohl er in einer Zeit katastrophaler Zerstörungen lebte, wirkt sein Werk merkwürdig konstant. Es hält eine Seelenlandschaft fest, die sich stets gleich bleibt und es Frank vielleicht ermöglicht hat, zu überleben.

          In Würzburg kam er als viertes Kind einer „Familie von Tagelöhnern und Dienstmägden“ zur Welt, und mit der niederen Herkunft war vieles für ihn vorbestimmt. Hermann Hesse hat den Terror in den Schulen des Kaiserreiches beschrieben, und auch Frank hatte einen tyrannischen Lehrer. Früh wurde er Lehrling und Fabrikarbeiter, und der traurigen Wirklichkeit setzte er vorerst nur den Traum von einem besseren Leben entgegen.

          Blühende Phantasie

          Künstlerisch begabt war schon seine Mutter, die eine Autobiographie geschrieben hat und dort von einem Liebesabenteuer berichtet, das sie mit dem bayrischen König erlebt haben will. Ihre blühende Phantasie hat sie dem Sohn vererbt. Der hoffte zuerst Maler zu werden, in München studierte er bei berühmten Lehrern, doch seine Bilder sind leider nicht erhalten.

          Der Durchbruch als Schriftsteller gelang ihm erstaunlich früh. Sein erster Roman, „Die Räuberbande“, erschien 1914 und erhielt sofort den angesehenen Fontane-Preis. In ihm erfinden Würzburger Jungen ihrer tristen Wirklichkeit eine Gegenwelt. Das gelingt ihnen eine Weile, aber dann beginnt der Prozess ihrer bürgerlichen Anpassung. Nur einer der Jungen, Michael Vierkant, schafft den wirklichen Ausbruch. Er verlässt Würzburg, wird zum Künstler und taucht nach einem symbolischen Selbstmord als „Fremder“ wieder auf, der unerkannt durch seine Heimatstadt streift.

          Michael Vierkant ist das Alter Ego, das Frank sich erdichtet. Auch in späteren Werken tritt er unter diesem Namen auf, und die autobiographischen Elemente sind unverkennbar. Rudolph vergleicht sie mit den nachweisbaren Fakten seines Lebens und zeichnet die Grenzlinien nach, an denen er sich schreibend zwischen Wunsch und Wirklichkeit positioniert.

          Mit großer Sprengkraft

          Es ist ein idealisiertes Bild, das er nicht nur von sich selbst, sondern auch von der Welt entwirft, in der er lebt. Das machte sein zweites Werk, die Novellensammlung „Der Mensch ist gut“, noch deutlicher. So nannte er sein Manifest gegen den Ersten Weltkrieg: Frank war einer der wenigen, die den Wahnsinn des Krieges sofort erkannten, in den Novellen zeigt er die Opfer – die Witwe, die Krüppel, die Eltern, die ihre Kinder verlieren – und die Entstehung einer Protestwelle, die die Kriegstreiber schließlich davonjagen wird. Die Novellen, die in Deutschland nicht erscheinen durften, schrieb er in der Schweiz, sie wurden über die Grenze geschmuggelt und gewannen als Konterbande eine große Sprengkraft.

          Katharina Rudolph: "Rebell im Maßanzug. Leonhard Frank". Die Biographie.

Aufbau Verlag, Berlin 2020. 496 S., geb., 28,- Euro
          Katharina Rudolph: "Rebell im Maßanzug. Leonhard Frank". Die Biographie. Aufbau Verlag, Berlin 2020. 496 S., geb., 28,- Euro : Bild: Aufbau verlag Berlin

          In die Schweiz kam er nicht erst während des Krieges. Seit 1906 hielt er sich oft in Ascona auf, wo deutsche Weltverbesserer diverser Schattierungen auf dem Monte Verità lebten, ihrem „Berg der Wahrheit“. Sie wollten die Realität aus den Angeln heben, und einer von ihnen, der Psychiater Otto Gross, wurde für Leonhard Frank gefährlich.

          Gross kam aus der Schule Sigmund Freuds, der das Unbewusste erkennen und beherrschen wollte. Gross dagegen wollte es ausleben: Die Liebe sollte frei, die Monogamie sollte aufgehoben werden, und er lebte mit mehreren Frauen zugleich. Eine von ihnen war die Malerin Sophie Benz, die solcher erotischen Gewaltsamkeit nicht gewachsen war und 1911 Selbstmord beging.

          Frank und Benz waren ein Liebespaar gewesen, bevor Gross ihre Beziehung zerstörte. Das verletzte Frank zutiefst, und er wandte sich von Gross ab, dessen Radikalität ihm in Wirklichkeit fremd war. Von ständigem Liebeshunger getrieben, brauchte Frank eine Frau, die nur für ihn da war und die er dafür ebenso unbedingt lieben konnte.

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