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Biografie von Edith Tudor-Hart : Die Frau, die Kim Philby erfand

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Balanceakt auf Kriegsruinen: Szene aus dem Londoner Stadtteil Moorgate, aufgenommen von Edith Tudor-Hart im Jahr 1946 Bild: Edith Tudor-Hart

Berühmte Fotografin, alleinerziehende Mutter und Spionin im Dienst der Sowjets: Peter Stephan Jungk schreibt die Geschichte von Edith Tudor-Hart. In der Romanbiografie stellt er kritische Fragen an seine verblichene Tante.

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          Erst 2013 – die größte Schau ihrer Werke, die es jemals gegeben hatte. Vierzig Jahre nach ihrem Tod. Die Ausstellung im Wien Museum zeigte ihre frühesten Fotos aus dem Wien um 1930: das Subproletariat in Slums hinter Bretterzäunen, bettelnd auf den Straßen, dann ihre Sozialreportagen aus den Elendsquartieren Londons und dem walisischen Kohlerevier, Streiks und Hungermärsche in den dreißiger Jahren. Sie zählen zu den Hauptwerken der britischen Arbeiterfotografie.

          Edith Tudor-Hart, geboren in Wien 1908 als Edith Suschitzky, hatte neben der Fotografie ein zweites Leben: als Agentin für den sowjetischen Geheimdienst KGB, für den sie den „Jahrhundertspion“ Kim Philby anheuerte, der seinerseits vier Studienkollegen rekrutierte, die später hohe Funktionen im britischen Geheimdienst einnahmen und als „Cambridge Five“ bis in die frühen sechziger Jahre Informationen an die Sowjets lieferten. Ein entfernter Verwandter, Peter Stephan Jungk –, „Edith war die Tochter des Bruders meines Großvaters mütterlicherseits“ – hat nun ihre Lebensgeschichte zu Papier gebracht, so weit wie derzeit möglich jedenfalls, denn die Archive des KGB sind seit 1995 wieder so unzugänglich wie vor Gorbatschow.

          Eine edle Giraffe

          Dennoch gelingt Jungk ein eindringliches Bild eines Lebens, das ihm nicht gefällt. Gleich zu Beginn fragt er die 1973 verblichene Tante: „Wozu das alles, in das du da hineingeraten bist? Hat es sich gelohnt?“ Edith Suschitzky wächst in einer sozialdemokratischen Familie auf, die eine Arbeiterbuchhandlung betreibt, zu Hause werden Marx und Lenin gelesen, die Kinder sind in der sozialistischen Jugendbewegung, Sommerlager, politische Diskussionen.

          Dass die Familie jüdisch ist, spielt im Alltag keine große Rolle, alle wissen nur von ihrer „Suschitzkynase ..., dieser langen, ausgeprägt jüdischen, großen Nase mit kleinem Höcker“. In den dreißiger Jahren habe jeder auf solche Merkmale geachtet, erinnert sich ein Verwandter Ediths, „es war, als ob man schwarzhäutig sei“. Trotzdem sei aus ihr eine schöne, große Frau geworden, „sie hatte etwas von einer edlen Giraffe“.

          Die Kamera als Waffe

          Edith verlässt die Schule mit sechzehn, will Kindergärtnerin werden, belegt einen Kurs bei Maria Montessori in London. Kaum zurück in Wien, lernt sie in der Buchhandlung der Familie Arnold Deutsch kennen, führendes Mitglied der kommunistischen Jugendorganisation. Sie werden ein Liebespaar und bald auch Parteigenossen. Deutsch schenkt ihr, bevor er von der Partei nach Moskau abkommandiert wird, den Prototyp einer Rolleiflex-Kamera.

          Mit einer ähnlichen Kamera wie dieser Rolleiflex begeisterte sich Edith Tudor-Hart für die Fotografie.

          Nach einem Lehrgang am Bauhaus Dessau konzentriert sie sich auf die soziale Aussage ihrer Bilder, die Kamera als Waffe im Kampf gegen die Ungerechtigkeit. Als sie später in Wales streikende Bergleute und Hungermärsche fotografiert, notiert sie: „Der Fotoapparat ... wurde zu einem Instrument des Handelns. Man konnte damit Ereignisse beeinflussen.“

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