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Biografie von Edith Tudor-Hart : Die Frau, die Kim Philby erfand

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Der Doppelagent im Geheimdienst

Schon im Alter von dreiundzwanzig Jahren wird Edith Fotoreporterin und Österreich-Korrespondentin der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass. Einer ihrer besten Freunde ist der Musikwissenschaftler und Pianist Georg Knepler, der jahrelang die Vorlesungen des Karl Kraus am Klavier begleitet hatte. 1933 kommt in Österreich das klerikal-faschistische Regime des Bundeskanzlers Dollfuß an die Macht: Zeitungszensur, Einschränkung des Versammlungsrechts, Verbot der sozialistischen und kommunistischen Parteien sind die Folgen. Edith agiert im Untergrund und wird festgenommen. Aus der Untersuchungshaft nach einem Monat entlassen, lernt sie bei einer Freundin Kim Philby kennen, Cambridge-Absolvent aus großbürgerlicher Familie, der sich vom Kommunismus angezogen fühlt. Der junge Mann gefällt ihr, aber sie hat ja gerade einen Geliebten, den jungen, linken englischen Arzt Alexander Tudor-Hart, den heiratet sie, bekommt einen englischen Pass und reist sofort nach London aus.

Auch Ediths Genosse und ehemaliger Freund Arnold Deutsch ist mittlerweile in der englischen Hauptstadt. Und Kim Philby, der aber jetzt wirklich und endlich in die Kommunistische Partei eintreten will. Edith und Arnold erklären ihm, dass er mit seinem bürgerlichen Hintergrund und Gehabe dem Kommunismus bessere Dienste erwiese, wenn er draußen bliebe, im Staatsdienst Karriere machte und den KGB mit Informationen versorge. Und so kommt es. Ab 1941 arbeitet Philby im Auslandsgeheimdienst MI6, beauftragt, ausländische Agenten aufzuspüren, also Leute wie ihn selbst.

Der Umschlag von von „Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart. Geschichte eines Lebens.“

Statt dessen verrät er westliche Agenten, die im Osten eingesetzt sind. Nach Kriegsende wird Philby sogar Leiter der britischen Spionageabwehr, dann Erster Sekretär der britischen Botschaft in Washington, Secret Service-Verbindungsoffizier zu den Amerikanern, zuständig für die geheime Kommunikation zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Er informiert die Sowjets über die geplante amerikanische Kriegführung in Korea und hilft mit, antikommunistische Coups in den Ostblock-Ländern abzuwehren.

Privat läuft alles schief

Noch eine zweite wichtige Quelle zapft die Fotografin an: Engelbert Broda, emigrierter Wiener Physiker und Chemiker, Kommunist, in Cambridge an Englands Atomforschung beteiligt, wird ihr Liebhaber. Ab 1942 gehen laufend Berichte über die Fortschritte des englischen und amerikanischen Atomprogramms nach Moskau. Nur deshalb sind die Sowjets schon 1949 im Besitz einer Bombe, einer exakten Kopie der amerikanischen. Broda wurde zeitlebens nicht enttarnt. Sein Bruder Christian, der sich früh vom Kommunismus losgesagt hatte, wurde in den siebziger Jahren Bruno Kreiskys Justizminister.

Privat läuft für Edith Tudor-Hart alles schief. Die Ehe mit Alexander hält nur einige Jahre, der gemeinsame Sohn ist psychisch schwer krank und fristet sein gesamtes Leben in Kliniken und Anstalten. Der britische Geheimdienst verdächtigt Edith, es gibt Hausdurchsuchungen, Verhöre, aber keine Beweise. Dennoch bekommt sie ein Berufsverbot als Fotografin. Mit einem kleinen Antiquitätenladen hält sie sich über Wasser. Aus Moskau kommt keine Hilfe. 2015 wundert sich ihr Großneffe Peter Stephan Jungk: „Du hast diesem Höllenregime die Treue gehalten, dein Leben lang. Wie konntest du?“

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