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Bilder aus dem Warschauer Getto : Der letzte Augenblick

Bild: Verlag

Sie zeichnete, was sie sah und erlebte: Teofila Reich-Ranickis Aquarelle aus dem Warschauer Getto zeigen den Hunger und den Tod, die Gewalt und das Leid, den Schmerz, die Verzweiflung und das Elend.

          „Wer ist Marcel“, fragte die Mutter. „Der Junge in den komischen Anzügen, der direkt aus Berlin kommt“, erklärte ihr Teofila. „Er spricht kaum Polnisch . . .“ „Ein netter Junge“, setzte die Cousine hinzu. Weiter befaßten sie sich nicht mit ihm.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Teofila Langnas und ihre Mutter von einem Besuch bei der Cousine zurückkommen, hat sich Pawel Langnas, ihr Vater und Ehemann, aus Scham und Verzweiflung über das Leben im Warschauer Getto aufgehängt. Der herbeigeeilte Nachbarssohn, der die völlig verstörte Teofila zu trösten versucht, ist kein anderer als jener Marcel, der kaum Polnisch spricht. Die Geschichte, die er ihr nun erzählt, dort, im Getto, in der Zlota-Straße, auf Teofilas Bett sitzend, kannte er aus einem Film, in dem sich einer umbrachte und ein anderer, neben dem Toten sitzend, diesen Satz sagt: „Wir sind nicht auf der Welt, um das Leben von uns zu werfen, sondern um es zu bezwingen . . .“ Dies war die erste von zahllosen Geschichten, die Marcel seiner Teofila, genannt Tosia, erzählen sollte.

          Informative und einfühlsame Begleitexte

          Seit Marcel Reich-Ranickis Autobiographie „Mein Leben“ erschienen ist und mit über sechshunderttausend verkauften Exemplaren zu einem der größten Bucherfolge der vergangenen Jahre wurde, ist die Liebesgeschichte zwischen Marcel Reich und Teofila Langnas, die im Getto unter schrecklichen Umständen ihren Anfang nahm, kein Geheimnis mehr. Wer „Mein Leben“ gelesen hat, weiß auch, daß Teofila zeichnete und nach dem Krieg in Paris Kunstwissenschaften studieren wollte. Dazu ist es nie gekommen. Aber die frühen Beweise ihres großen Talents haben sich wider alle Wahrscheinlichkeit erhalten. Die handgeschriebene, von ihr selbst reich illustrierte Ausgabe von Erich Kästners „Lyrischer Hausapotheke“, die Teofila dem Geliebten zum zwanzigsten Geburtstag schenkte, ist unlängst in einer hübschen faksimilierten Ausgabe erschienen (Dr. Erich Kästners Lyrische Hausapotheke mit Illustrationen von Teofila Reich-Ranicki).

          In diesen Tagen kommt ein zweiter Band von Teofila Reich-Ranicki in die Buchhandlungen: „Es war der letzte Augenblick. Leben im Warschauer Getto“. Neben den Zeichnungen enthält er Texte der polnischen Autorin Hanna Krall, die Teofila Reich-Ranicki zu den Zeichnungen und ihren Erinnerungen an das Getto befragt hat. Als Folge dieser Gespräche ist nicht nur eine Reihe ebenso informativer wie einfühlsamer Kurztexte zu den einzelnen Aquarellen entstanden, sondern auch ein Essay, in dem Hanna Krall die Zeichnerin selbst ausführlich zu Wort kommen läßt.

          Die Oper, eine Märchenwelt

          Die junge Teofila zeichnete, was sie sah und erlebte: den Hunger und den Tod, die Gewalt und das Leid, den Schmerz, die Verzweiflung und das Elend. Soldaten, die mit dem Gewehrkolben auf Greise einschlagen, SS-Männer, die Säuglinge in den Händen halten, eine Mutter mit drei Kindern, die die verbliebene Habe auf einem Karren hinter sich herzieht. Ein junger Widerstandskämpfer, der eine Handgranate wirft. Ein Bild zeigt einen Mann, vielleicht einen Toten, vor einem Stacheldrahtzaun. Bedeckt ist er mit den Seiten der Gazeta Zydowska, jener Zeitung, für die Marcel Reich unter dem Pseudonym Wiktor Hart Konzertkritiken verfaßt hat. Hanna Krall hat etliche Artikel aus der Zeitung ausgewählt: Meldungen, Anordnungen, Frontberichte, Ratschläge, die das Überleben erleichtern sollten, und Nachrichten, die vom Tod kündeten: „Aus einem Müllkübel geborgen wurde ein Neugeborenes männlichen Geschlechts, beschnitten . . .“

          Das letzte Kapitel versammelt die Opernheroinen, die Teofila gemalt hat. Es sind Kostümentwürfe für Tosca, Mimi oder Nedda aus dem „Bajazzo“. Die Musik war neben der Literatur das zweite Refugium, in das sich Marcel und Teofila zurückziehen konnten. „Er gab ihr den Inhalt der Libretti wieder, summte seine Lieblingsarien. Sie zeichnete.“ Die Oper sei eine Märchenwelt gewesen, schreibt Hanna Krall. Und fügt hinzu: „Alle im Getto sehnten sich nach einem Märchen.“

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