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„Silent Cities“ von Mat Hennek : Von der Kunst, die Leere zu füllen

  • -Aktualisiert am

Die Ordnung der Dinge: Im Jahr 2014 hat Mat Hennek diese Terrasse in der texanischen Metropole Dallas fotografiert. Bild: Mat Hennek

Kleine Störfaktoren betonen die Formvollendung: Mat Hennek hat schon lange vor der Corona-Krise menschenleere Orte in Großstädten fotografiert. Nun versammelt ein Bildband seine originellsten Aufnahmen.

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          Minimalistischer geht es kaum. Kein Vorwort, keine flankierenden Essays, keine Hinweise zu Künstler und Equipment. Nur Bilder. Auf jeder Seite eins. Darunter spärliche Informationen: „J Tokyo 04 2013“ oder „F Aix-en-Provence 07 2016“ oder „KR Seoul 03 2017“. Zeit und Raum, mehr gibt der Fotograf Mat Hennek nicht preis in diesem Band, der dem Blick des Betrachters alles andere unterordnet. Texte, zumal interpretierende, weisen in bestimmte Richtungen, die sich, einmal eingeschlagen, nur schwer wieder ändern lassen. Sobald ein Foto einen Titel bekommt, ist es einem Deutungsrahmen unterworfen, der vorreflexiven Anschauungen zuwiderläuft.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Henneks akribisch komponierte Bilder verwahren sich schon deshalb vor überhasteten Sinnzuschreibungen, weil sie wenig Inhalt und viel Form zu bieten haben. „CH St. Gotthard 01 2014“ ist eine Studie darüber, wie sich mit mehr als einem halben Dutzend Horizontalen Ordnung herstellen lässt. Leitlinien und Schutzplanken, Mittelstreifen und auf unterschiedlicher Höhe verlaufende Fahrbahnen, eine Böschung und ein Pfeiler: Obwohl die Aufnahme aus etlichen Elementen besteht, die einen Vorder-, Mittel- und Hintergrund erzeugen, wirkt sie seltsam flächig, am oberen rechten Bildrand sogar perspektivisch falsch. Kenntnisse über die Bedeutung des Gebirgspasses und seine Baugeschichte sind bei der Rezeption genauso nutzlos wie hermeneutische Versiertheit, denn die Wirkung verdankt sich dem unmittelbaren Effekt.

          Unbekannte Ecken sehr bekannter Orte

          Auch „GB London 03 2015“ hat den Reiz des statischen Ornaments. Zu sehen ist die rot verklinkerte Fassade eines in die Jahre gekommenen Apartmentkomplexes. Balkone, Treppen, Fenster. Allerdings hat das Foto nichts zu erzählen, die Bildgegenstände erfüllen eine rein schmückende Funktion. Viele der Aufnahmen erinnern an Edward Hoppers Gemälde, deren Szenen oft so stillgestellt sind, dass sie wie eingefroren anmuten. Hennek treibt dieses Verfahren auf die Spitze, verzichtet er doch im Gegensatz zu Hopper weitgehend darauf, Menschen abzubilden und Momente des Übergangs einzufangen, bei denen sich Zeit etwa im Dämmerlicht materialisiert.

          Mat Hennek: „D Munich 01 2013“ Bilderstrecke
          Die Ästhetik der Form : Fotografien von Mat Hennek

          Der Band ist nicht der Versuch, die Poesie leerer Großstädte während der Corona-Krise wiederzugeben. Tatsächlich hat Hennek, der 1969 in Freiburg geboren wurde, in den vergangenen sieben Jahren immer wieder unbekannte Ecken sehr bekannter Orte aufgesucht, um in jenen Momenten den Auslöser zu betätigen, da keine Passanten oder Autos die Komposition ruinierten.

          Melancholisches Flair

          Kleine Störfaktoren, die wie das berüchtigte „Punctum“ Roland Barthes’ die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich ziehen, gibt es gleichwohl zuhauf. So zeigt „USA Los Angeles 05 2013“ eine weiße Wand, an der ein Fernseher befestigt ist. Davor zwei Mülleimer: Aus dem linken hängt ein Textilstück heraus – ein Tuch, ein Sakko? –, dessen Rand jene mittig plazierte Vertikale touchiert, die das Bild in zwei Hälften teilt. Der aus rechten Winkeln zusammengesetzten Anordnung fügt der Stoff exakt die Prise Chaos hinzu, welche es zur Formvollendung braucht.

          Hennek lässt touristisch erschlossene Gegenden links liegen, um auf Nebenpfaden den ästhetischen Clou zu suchen. Baustellen sind ihm dabei genauso recht wie Flughäfen oder Wohnanlagen. In München fotografiert er ein Gebäude, das gerade restauriert wird, und die davor aufgespannte, mit ebendiesem Gebäude bedruckte Plane. Allerdings ist sie verrutscht, so dass die gewünschte Illusion in eine Schräglage gerät. Die aus solchen Arrangements entstehenden Brüche verleihen Henneks Arbeiten ein melancholisches Flair, das sich wohltuend von den Großstadt-Bildern aus der Lockdown-Zeit abhebt. Menschenleere Plätze kann jeder fotografieren. Die Kunst besteht darin, die richtige Form zu finden.

          Mat Hennek: „Silent Cities“. Steidl Verlag, Göttingen 2020. 96 S., Abb., geb., 45,– €.

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