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Geschichte der Taschenbücher : Aus der Tasche in die Hand

George Orwells Klassiker, wie er 1953 in einer schnell aufgegebenen Reihe erschien. Bild: Verlag

Als die Verlage den Massenmarkt entdeckten: Zwei exquisite Bildbände machen mit den Taschenbüchern der fünfziger Jahre und ihren Gestaltern bekannt.

          2 Min.

          Im Oktober 1959 geht Theodor W. Adorno über die Frankfurter Buchmesse und schreibt anschließend für das Feuilleton dieser Zeitung einen Text, der von der sonderbaren Beklemmung handelt, die ihn vor den Bücherständen befallen habe. Buchumschläge seien nämlich zur Reklame für das Buch geworden, wodurch die Bücher nicht mehr aufträten, wie es Bücher eigentlich tun sollten, mit der „Würde des in sich Gehaltenen, Dauernden, Hermetischen, das den Leser in sich hineinnimmt“. Stattdessen machten sich die Bücher nun an die Leser heran. Manche Verlage würden Bücher immerhin in zwei Ausstattungen herausbringen, eine würdige und eine, „die mit Männchen und Bildchen den Leser anspringt“. Wobei es der Bildchen gar nicht immer bedürfe, es genüge oft schon „die Plakatwirkung allzu intensiver und auffälliger Farben“.

          Kuriose Kritik von links

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Es ist klar, woran Adorno nicht zuletzt dachte, obwohl er dem Wort selbst aus dem Weg geht, als ob er es dem Leser gar nicht zumuten dürfte: an die Taschenbücher des Massenmarkts, wie er sich seit Beginn der fünfziger Jahre herausgebildet hatte. Adorno waren sie noch 1959 so wenig geheuer wie Hans Magnus Enzensberger, der im selben Jahr in seiner „Analyse der Taschenbuchproduktion“ konstatierte, dass mit ihnen der Geist hinter bunten Umschlägen zur puren Ware verkomme. Das Taschenbuch musste hier als Ausdruck der Massenkultur büßen, deren manipulativer Charakter herausgestellt wurde. Einige Jahre später feierte Adorno dann allerdings selbst seine größten Bucherfolge mit Taschenbuchausgaben in der edition suhrkamp, die 1963 gegründet wurde, drei Jahre nach dem Tod Peter Suhrkamps, der sich noch strikt geweigert hatte, auf dem Taschenbuchmarkt einzusteigen.

          „Jedes Panther-Buch ein Thriller“. Dieses hier erschien 1956. Bilderstrecke

          Aber natürlich konnte man die Taschenbücher auch von Anfang an ganz anders wahrnehmen. Als Verführung durchaus nicht bloß zum Kauf, wie Enzensberger fürchtete, sondern zum Lesen. Ihr Ladenpreis lud ein, ihr Äußeres sorgte für Aufmerksamkeit, ihr Erfolg krempelte binnen weniger Jahre die Verlagslandschaft um. Die Spreizung der Niveaus war weit, und in die Gestaltung der Umschläge floss einige Mühe, die durchaus nicht auf „Männchen und Bildchen“ zu verkürzen ist.

          Auf den Spuren der graphischen Gestalter

          Man kann sich nun ein Bild davon machen in zwei Bänden, die in Form einer großen Bildergalerie deutsche Taschenbuchreihen der fünfziger Jahre präsentieren. Herausgeber sind zwei Bibliomane: Reinhard Klimmt, lange Jahre in hohen Funktionen tätiger SPD-Politiker, und Patrick Rössler. Gemeinsam mit einigen anderen Kennern der frühen Paperbacks werden von ihnen nicht bloß die Profile und Geschichten der in schneller Folge von den Verlagen gegründeten Reihen vorgestellt, solche in der DDR eingeschlossen, sondern auch – so weit wie nach den manchmal spärlichen Quellen möglich – ihre Gestalter präsentiert.

          Blickt man auf Profile und Titel, steht man vor einer kommentierten Bildergalerie zur deutschen Nachkriegskultur. Die Aufmerksamkeit für die Gestaltung erschließt zudem eine wichtige Facette der Geschichte des grafischen Designs und der Buchgestaltung.

          Im seinem Vorwort blickt der spätere Sammler Klimmt auf seine Leseerfahrungen als Knabe zurück, der sich durch kein noch so harsches Verdikt von Eltern oder Lehrern abhalten ließ, die lockenden Bücher zu erstehen: „Ich bin ein Geschöpf der Taschenbuchkultur.“ Es war eben bald alles da, nachdem Rowohlt mit der rororo-Reihe den Bann gebrochen hatte, von den Weiten der Unterhaltungsliteratur bis zu alten und modernen Klassikern, und Sachbuch und Wissenschaft kamen auch hinzu, wenn auch vorerst noch bescheiden. Hier hat man es als Panorama in zwei exzellent ausgestatteten Bänden vor sich.

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