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„Das Aufmerksamkeitsregime“ : Leitkultur der Mittelschicht

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Alles Show: Kellner-Zotz zeigt auf wie gerade Kindergeburtstage dafür prädestiniert sind, die Familie zu präsentieren. Bild: Picture-Alliance

Kindergeburtstage, Urlaubsfotos, all die sozialen Medien: Bianca Kellner-Zotzs Buch „Das Aufmerksamkeitsregime“ verleiht dem Topos von der vorzeigbaren Familie eine ganz neue Dimension.

          Wer als Mutter erstaunt zur Kenntnis nehmen muss, dass man zum Kindergeburtstag nicht nur Geschenke mitbringt, sondern auch einen Erinnerungsfilm vom Ereignis bekommt, der versteht so etwas gleich viel besser, wenn er dieses Buch gelesen hat. In ihm verdeutlicht die Kommunikationswissenschaftlerin Bianca Kellner-Zotz, dass ein solcher Geburtstag zum Vorführen von Familie prädestiniert ist, dieses Präsentieren der Familie dank medialer Hochrüstung aber auch eine bedrohliche Eigendynamik entwickelt. Das Buch, hervorgegangen aus einer Doktorarbeit, hat zwar akademischen Zuschnitt. Aber auch interessierten Laien bietet es genügend kurzweilige Abschnitte mit überaus erhellenden Beobachtungen. Kellner-Zotz erweist sich nämlich als geerdete Autorin, die den mediensoziologischen Diskurs dank ebenso triftiger wie giftiger Beispiele nie abheben lässt.

          In den Blick genommen und rigoros abgeklopft wird die mediale Darstellung des Soziotops Familie. Es zeigt sich, dass bereits im Vorfeld der Familiengründung die Protagonisten mit einschlägiger professioneller Medienhilfe eingenordet werden, um den Ansprüchen zu genügen: Ghostwriter stellen ihre Dienste gern dafür zur Verfügung. Denn schon bei der Partnerschaftsanzeige in der Zeitung ist korrektes Storytelling gefragt, einer bemüht kreativen Formulierung wie „Crosses Cornetto sucht Cremosa“ etwa hätte solche Beratung wohl gutgetan. Bei der Frage „Willst Du ...?“ sind bange Gefühle passé. Im Vergleich zu aktuellen Clips von Heiratsanträgen auf Youtube nimmt sich das verzweifelte Werben eines Johnny Cash vor Publikum geradezu intim aus.

          Schaulaufen vor der Hochzeit

          Geheiratet wird überhaupt erst, nachdem die Sache ausreichend gehypt wurde. Dieses Schaulaufen vor der Hochzeit ernährt wie die Organisation des Ereignisses selbst ein neues Genre von Gewerbetreibenden. Nicht fehlen darf die Inszenierung des werdenden Lebens, Facebook-Postings über Schwangerschaftserbrechen und eigenhändig durchtrennte Nabelschnüre bleiben uns immerhin erspart.

          Klar ist, dass in Sachen Medialisierung der Familiengründung die Geburtskliniken nicht nachstehen können. Ein Krankenhausfotograf übernimmt Regie beim Babyshooting im Weidenkorb, Utensilien werden gestellt. Mittels E-Card, so das Angebot in manchen Häusern, geht das Foto gleich an die Mailingliste. Wie bei Blitz und Donner sieht man ein Menschenkind, noch bevor man es schreien hört.

          Es geht hier natürlich um die Mittelschicht, den „Treiber familiärer Leitkultur“ und immer noch das Umfeld, in dem die meisten Kinder leben. Zu ihr gehören auch diejenigen, die sich dieses Performing leisten können und es zu immer neuen Höhepunkten jagen. So dient auch der Familienurlaub nicht nur der Erholung; es bedarf seiner vorzeigbaren Inszenierung, umgesetzt von einer findigen Tourismusindustrie. Dann hebt die multimediale (bloß bebildert war gestern) Urlaubsnacherzählung im öffentlichen Blog der Mutter (#bitteteilen) das Ganze auf die nächsthöhere Ebene. Den Veranstaltern treibt nicht nur der „Zuhause-Weitererzähl“-Effekt neue Kunden zu, auch die von dünn besetzten Elternzeitschriften-Redaktionen gern übernommenen Fotos vom Panama-Rucksacktrip mit Kindern versprechen kostenlose Werbung.

          Alles muss telegen sein

          In Zeiten beliebig leicht produzierbarer Bild- und Filmstrecken muss überdies alles und müssen alle telegen sein. Sogar die Küche wird nach dieser Logik zur Bühne, auf welcher der optisch beste Eindruck sinnvoller Funktion geopfert wird. Der Topos von der vorzeigbaren Familie erhält so eine ganz neue Dimension. Zeugte er früher vom Anspruch der Anständigkeit und erhielt allenfalls einen negativen Touch, wenn zu viel Heuchelei im Spiel war, so steht er im Licht dieser Lektüre plötzlich für die schreckenerregende Vorstellung vom Verlust aller Rückzugsmöglichkeiten.

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          Eine zentrale Rolle spielen die Frauen. Es hat unweigerlich mit der Rolle der Mutter zu tun, wenn es um Familienentwürfe geht: ob und wie viel sie arbeitet, welchen Institutionen sie ab welchem Zeitpunkt die Kinder anvertraut und welche Bildung erstrebenswert ist. Selbst dort, wo die Werbung Männer mit Kochschürzen darstellt, geht es weniger um die Tatsache, dass Männer kochen, als vielmehr darum, dass das Kochen heute seinen Versorgungscharakter verloren hat und dem Kochen der Mütter von früher nicht mehr ähnelt.

          Kellner-Zotz hat die Mutter als zentrale Figur nicht nur fest im Blick, sondern findet auch plausible Argumente dafür, dass am Ende vor allem bei ihr der Konkurrenzdruck kulminiert, wenn das Diktat demonstrativer Inszenierungen den Stress im Familienleben befördert. Weshalb man der Autorin gut folgen kann, wenn sie konstatiert, dass das Problem der Medialisierung von Familie ein ernstes ist.

          Bianca Kellner-Zotz: „Das Aufmerksamkeitsregime“. Wenn Liebe Zuschauer braucht. Eine qualitative Untersuchung zur Medialisierung des Systems Familie. Vistas Verlag, Leipzig 2018. 384 S., Abb., geb., 39,– Euro.

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