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Berthold Seliger: Das Geschäft mit der Musik : So viele vegane Waffeln kann man gar nicht essen

  • -Aktualisiert am

Bild: Edition Tiamat

Monopolisten kassieren Phantasiepreise, und bei den Musikern bleibt nur ein Zehntel des Ticketpreises hängen: Der Konzertagent Berthold Seliger feuert mit einem wütenden Manifest gegen die Musikindustrie.

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          Nutzt ein Lied sich ab, das zu oft gesungen wird? Mitnichten. So stimmt nun auch der Berliner Konzertagent Berthold Seliger noch einmal Adornos Gassenhauer von der Kulturindustrie an, und zwar in einer höchst zeitgenössischen Interpretation. Im Mittelpunkt nämlich steht die Adorno als Konsumbrei verhasste Unterhaltungsmusik. Es spricht für das Buch, dass es sich nicht erneut an Pop-Theorie abarbeitet, sondern nüchtern die Praxis betrachtet. Zwischen den Rundumschlägen, mit denen der Marktkenner Seliger unsere postneoliberale Gouvernementalitätsgesellschaft im Allgemeinen und die von gierigen Großkonzernen dominierte Musikbranche im Besonderen attackiert, geht er immer wieder ins Detail.

          Bis auf den Cent rechnet er vor, wie sich die Gewinne beim Geschäft mit der Popmusik verteilen. Und es gelingt ihm, zu erklären, wie sich gerade in jenem Bereich, der einmal vom Nimbus der Gegenkultur umgeben war, eine „profitorientierte Monokultur“ herausbilden konnte, unter der Künstler, Musikfans, kleine Label und engagierte Konzertveranstalter gleichermaßen leiden. Dass Seliger selbst Partei ist, sorgt für eine gewisse Schlagseite, wenn er etwa besonders heftig auf die Gema einteufelt (die es in ihrer Intransparenz freilich verdient hat).

          Live-Monopolisten kassieren ab

          Auch interessiert sich der Autor mehr als wohl die meisten Leser für organisatorische Feinheiten im Konzertbetrieb, etwa für vertragliche Scharmützel zwischen Weltagenten, Europaagenten, Tourveranstaltern und örtlichen Veranstaltern. Trotzdem ist gerade das Kapitel zur „Live-Industrie“, das längste des Buches, besonders desillusionierend, denn Schritt für Schritt wird nachvollzogen, wie sich auch im Konzertbereich gewaltige Monopole herausgebildet haben, etwa durch die kartellrechtlich bedenkliche Fusion von Live Nation und Ticketmaster in Amerika im Jahre 2009 oder durch die Expansion von CTS Eventim, Europas führendem Ticketing- und Live-Entertainment-Unternehmen, das mit Partnern wie Pro Sieben Sat.1 zusammenarbeitet.

          Die massiv gestiegenen Preise für Konzertkarten gehen laut Seliger denn auch nicht allein auf den gern angeführten Umstand zurück, dass Musiker heute auf diese Weise ihr Geld verdienen müssten, sondern auf Phantasiegebühren, welche zu erheben sich nur Monopolisten leisten können: Auf bis zu 44 Prozent Zusatzgebühren (für Vorverkauf, Buchung, Zusenden oder gar Selbstausdrucken) kommt der Autor bei CTS Eventim; 150 Prozent wurden in den Vereinigten Staaten schon aufgeschlagen. Ganz und gar astronomisch werden die Preise auf dem Zweitmarkt, an dem die Hauptticketanbieter nach Seliger oft indirekt beteiligt sind. Bei den Musikern komme im Schnitt nur etwa ein Zehntel des Ticketpreises an.

          Die Industrie schluckt alle Subversion

          Wofür aber zahlen Konzertgänger Eintrittspreise von mehreren hundert Euro? Allzu oft für Dauerwerbeveranstaltungen in Arenen, die schon im Namen zahlungskräftige Firmen führen. Der in den neunziger Jahren hemmungslos gewordene und heute totale Sponsoring-Wahnsinn wurde oft beklagt, aber erst, wenn man ihn so gnadenlos und empört aufschreibt, wie es Seliger tut, nämlich über viele Seiten hinweg und dabei Tour um Tour, Band um Band, Festival um Festival abklappernd, wird die unerträgliche Dimension ersichtlich: Popmusik ist heute kaum noch etwas anderes als Werbeträger für Biermarken, Modelabel, Autohersteller, Versicherungen, Banken und Telekommunikationsunternehmen - womit Adorno recht zu behalten scheint. Allerdings sieht es im Opernsektor oft ähnlich aus. Und diese Art des Ausverkaufs gilt nicht einmal als anrüchig.

          Selbst Schülerbands und Straßenmusiker greifen die Werbeabteilungen von Konzernen inzwischen ab, weist der Autor nach. Die Aufkäufer gehen dabei unverfroren mit den alten Subkultur-Codes hausieren, wie jenes Punk-Mädchen in der Allianz-Kampagne zeigt, das sich jenseits - und doch innerhalb - ihres Werbeeinsatzes als Veganer-Aktivistin geriert. Hier verzweifelt selbst Seliger, der sonst in kämpferischer Manier Dissidenz einfordert: „Man kann nicht so viele vegane, von der sogenannten Aktivistin ,Nessi‘ gebackene Waffeln essen, wie man kotzen möchte.“

          Marktradikale Verwüstung

          Besonders mickrig wirkt auch der zitierte Versuch der „Spex“-Redaktion aus dem Jahre 2010, die Präsentation einer Levi’s-Jeans-Tour als subversiven Akt zu verkaufen, denn die Beinform der neuen Levi’s sei als „postfeministisch“ zu verstehen. Die große Verkaufsshow schließt Hype generierende „Kooperationen“ mit „Medien-Partnern“ ein, die man schlicht gekauften Journalismus nennen kann. Trotzdem muss man vielleicht nicht so weit gehen wie Seliger, der den gesamten Musikjournalismus als reine PR-Veranstaltung ohne jedes eigenständige Denken abtut, als „eingebetteten Journalismus“.

          Was die Konservenseite der Musik angeht, hat der Autor eine klare, aber wenig aufregende Position: Dass die CD „tot“ sei, steht für Seliger fest, allerdings litten allein die Marktführer darunter, die sich nicht damit abfinden könnten, ihre goldene Kuh hergeben zu müssen. Der Autor ist Verfechter der neuen Eigenvertriebsmöglichkeiten im Streaming-Zeitalter, weil die Musiker so den Knebelverträgen der Großverlage entgehen könnten. Ein wenig nach Piratenpartei, aber durchaus durchdacht klingen die Vorschläge für ein neues Urheberrecht mit kürzeren Schutzfristen, kostenpflichtiger Registrierung des zu Schützenden und automatischem Rückfall der Rechte an die Urheber.

          Auch wenn hier die Revolution von unten beschworen wird, dominiert doch der Eindruck der marktradikalen Verwüstung eines einst stolzen Kultursektors, der dies freilich zugelassen hat. Vielleicht hat dieser düstere Ausblick den Autor derart fatalistisch gestimmt, dass er gleich nach Veröffentlichung seines anregenden, obgleich offenbar unlektorierten „Insiderberichts“ (voller Rechtschreibfehler) angekündigt hat, zum Jahresende seine seit einem Vierteljahrhundert bestehende Konzertagentur zu schließen.

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