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Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike : Speziell Pindar ist ja sehr umstritten

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Bild: Verlag

Eine Stagnation dieses Projekts droht hoffentlich nicht: Bernhard Zimmermann weicht im ersten Band seines „Handbuchs der griechischen Literatur der Antike“ keiner Streitfrage aus und weiß sich trotzdem zu beschränken.

          5 Min.

          Eine Geschichte der griechischen Literatur des Altertums zu schreiben gehört traditionell kaum zu den vornehmsten Beschäftigungen Klassischer Philologen. Nicht in Literaturgeschichten werde der Fortschritt der Erkenntnis markiert; wie jeder ernsthafte Arbeiter erfahre, seien neue Gesichtspunkte nur in der Einzelarbeit zu finden. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, der dieses Verdikt aussprach, hat sich gleichwohl einmal dazu herbeigelassen, dabei freilich auf gut dreihundert Seiten die äußeren Tatsachen weitgehend vorausgesetzt und den Akzent auf die nachklassischen Phasen Hellenismus und Kaiserzeit gelegt. Das war vor gut hundert Jahren ein Wagnis.

          Albin Lesky, fünfzig Jahre später Verfasser eines noch heute wertvollen Einbänders von tausend Seiten, war nicht viel optimistischer: Literaturgeschichte zu schreiben gelte als unfein oder schlechterdings unmöglich, und letztere Ansicht habe einiges für sich. Seitdem sind in deutscher Sprache einige kürzere Überblicksdarstellungen erschienen, wie es sie auch früher immer wieder gab, um einem breiteren Publikum die Hauptlinien vorzustellen, die in der Rezeption des Einzelwerks verlorenzugehen drohen.

          Rezeptions- und Textgeschichte

          Am anderen Ende steht seit langem die Abteilung römisch sieben im „Handbuch der Altertumswissenschaft“. Wilhelm von Christs anfängliches Kondensat wuchs unter den folgenden Bearbeitern Wilhelm Schmid und Otto Stählin auf zunächst drei Bände, deren zwei der Zeit von Demosthenes' Tod bis Kaiser Justinian gewidmet waren. Schmids gänzliche Neufassung des ersten Teils umfasste am Ende etwa dreitausendfünfhundert Seiten und reichte doch nur bis Thukydides und Demokrit. Ausführliche paraphrasierende Interpretationen der erhaltenen sowie Rekonstruktionsversuche der verlorenen Werke richteten sich gleichermaßen an Studierende und Gelehrte; als Repertorium der älteren und neueren Forschungsliteratur war das Werk unentbehrlich.

          An neuen Texten sind seither für die vorhellenistische Zeit nur poetische Bruchstücke von Archilochos, Sappho und Simonides hinzugekommen. Doch die griechische Literatur gerade der ersten vier Jahrhunderte steht heute in weiten Teilen völlig anders da als vor sechzig Jahren. Die homerischen Epen werden interdisziplinär untersucht, bei den Lyrikern interessieren Kommunikationsbedingungen und Performanzen, man hat gelernt, die Tragödie als Teil der politischen Kultur Athens zu verstehen, Mündlichkeit und Schriftlichkeit gelten nicht mehr als scharf voneinander abgegrenzte Phasen, die Rezeptionsgeschichte ist neben die traditionelle Textgeschichte getreten.

          Der Zusammenbruch Athens als politische Zäsur

          Die rasant anwachsende Menge an Forschungsliteratur zu verzeichnen ist hingegen in Zeiten, da es die monatlich ergänzte Gnomon-Datenbank, zahlreiche aktuelle „Companions“ zu einzelnen Schriftstellern und Gattungen sowie webbasierte Autorenbibliographien gibt, nicht mehr sinnvoll. Der Freiburger Gräzist Bernhard Zimmermann und der Verlag haben also gut daran getan, das neue „Handbuch der Griechischen Literatur“ wieder auf drei Bände zurückzuschneiden - am Ende werden es wohl vier werden - und diese einer Schar von großenteils jüngeren Gelehrten anzuvertrauen. Das „HGL“ hat so gute Chancen, dem Schicksal seines lateinischen Gegenstücks, das vor mehr als zwanzig Jahren zu erscheinen begann und seit langem bei drei von geplanten sechs Bänden stagniert, zu entgehen. Die Kunst der Beschränkung verdient um so mehr Lob, als die erhaltene griechische Literatur der Antike sehr viel umfangreicher ist als die lateinische.

          Erschlossen werden neben Homer, Hesiod und den Lyrikern die frühen Philosophen, Fachliteratur und Fabel, Herodot und Thukydides, die frühe Rhetorik und das athenische Drama. Der Einschnitt, mit dem der Band endet, ist klug gewählt. Mit dem Tod von Sophokles und Euripides hatte die attische Tragödie das Ende ihrer produktiven Phase erreicht; im vierten Jahrhundert erfuhr sie eine erste Kanonisierung. Der Zusammenbruch Athens bildete eine politische Zäsur, und nach dem Tod des Sokrates begannen in der Philosophie eine Ausdifferenzierung und Autonomisierung. Ein Stück ins vierte Jahrhundert hinein reichen indes Lysias, Aristophanes und Teile des Corpus Hippocraticum.

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