https://www.faz.net/-gr3-78wyf

Bernhard Rieger: The People's Car : Vergangenheitsbewältigung auf vier Rädern

  • -Aktualisiert am

Bild: Harvard University Press

Vom Liebling Hitlers zum Liebling der Welt: Bernhard Rieger zeigt mit seiner Geschichte des Käfers, welch großen Anteil am Erfolg des Autos die Öffentlichkeitsarbeit von Volkswagen hatte.

          Es ist eine kuriose und zugleich anrührende Geschichte - wie der Volkswagen trotz seiner bedrückenden Anfänge unter den Nazis in der Nachkriegszeit die Welt eroberte, wie die Deutschen sich mit dem Auto als bescheiden und zuverlässig präsentierten, wie sie in dem Wagen den ersten Sex und auch sonst alle Freuden des Friedens und Wohlstands genossen und wie sie als ganz normale, nicht Weltkrieg führende Menschen mit dem putzigen VW in Innsbruck einfuhren und den Maghreb durchquerten.

          Und überhaupt - wie der Käfer immer so viel mehr war als nur ein Auto, so dass ein echter VW-Fahrer ihn eigenhändig polierte und ein ums andere Mal versicherte, es sei eigentlich eine Liebesbeziehung, die er - der Käfer-Fahrer - mit dem Auto habe.

          Hitlers Traum von der motorisierten Arbeiterschaft

          Bernhard Rieger, Historiker am Londoner University College, erzählt die Geschichte einmal mehr, und er macht dies witzig und leicht, mit der gebotenen moralischen Substanz. Ganz wie es dem Käfer angemessen ist. An dessen Anfang steht, wie der Autor detailliert berichtet, der von Hitler verehrte Antisemit Henry Ford, dessen Konterfei in Hitlers Privatbüro hing. Fords T-Modell, das erste Massenauto, diente dem Diktator als Vorbild, obwohl die Deutschen in ihrem krisengeschüttelten Land wenig Sinn für Autos hatten. In Deutschland waren Automobile eine Sache der Reichen. Und das missfiel dem Diktator.

          Gegen den Ratschlag der deutschen Ingenieure, so erzählt Rieger weiter, und gegen die Konkurrenzangst der Autoindustrie träumte Hitler von einer motorisierten Arbeiterschaft und forderte ein solides, bezahlbares Massenauto. Die Nazis ließen - ziemlich irre - in die niedersächsische Pampa die monumental nüchternen Fabrikgebäude mitsamt einem Kraftwerk setzen. Dort konnte der von Ferdinand Porsche entwickelte Wagen in Produktion gehen. Das Verbrecherregime zeigt sich in dieser Geschichte als ebenso modern wie sozialistisch.

          Volkswagen als ideales Ziel für die Demontagen der Alliierten

          Dabei wirft der Autor stets ein Auge auf die internationalen Verwicklungen: Die „New York Times“ habe sich entzückt gezeigt über die Vorstellung, wie „thousands and thousands of shiny little beetles“ - Tausende von glänzenden kleinen Käfern - die Autobahnen bevölkerten. Doch das Projekt stockte. Arbeiter stellten nur rund drei Prozent der ohnehin enttäuschend geringen Zahl an Käufern. Am Ende der Geschichte standen nicht motorisierte blonde Familien, sondern Wehrmachtsoldaten, die im neuen Weltkrieg das Fahrgestell als Grundlage für einen Militärwagen nutzten, während Zwangsarbeiter das niedersächsische Werk am Laufen hielten.

          Nach dem Krieg wäre Volkswagen ein ideales Ziel für die Demontagen der Alliierten gewesen. Doch ein junger englischer Major, den die Briten dem Werk vorsetzten, dachte es sich anders und rettete die Fabrik, indem er sie als Werkstatt für britische Militärwagen nutzte und mit vielen Mühen die Produktion eines zivilen Fahrzeugs in Gang setzte. Unter britischer Aufsicht vollzog sich die wunderbare Transformation vom KdF-Wagen zum VW-Käfer.

          Der von den Briten installierte Heinrich Nordhoff, einstiger „Wehrwirtschaftsführer“ unter den Nationalsozialisten, führte dann den Käfer mit patriarchalischer Hand zum Welterfolg. Ähnlich wie einst Henry Ford setzte Volkswagen hohe soziale Standards für die Belegschaft. Nordhoff hielt das Recht der Arbeiter, an dem von ihnen erarbeiteten Wohlstand zu partizipieren, für eine der Grundlagen des Erfolges.

          Doch der Autor des Buches will mehr als nur eine Wirtschafts- und Produktgeschichte erzählen. Zwar liegt hier keine „Global History“ vor, wie es Harvard University Press im Untertitel verspricht, auch wenn ein Kapitel der Käfer-Produktion und Käfer-Rezeption in Mexiko gewidmet ist. Doch ist Riegers transnational orientierte Kulturgeschichte womöglich doch die intelligentere Alternative zur herkömmlichen Nationalgeschichte.

          Erfolgsgeschichte trotz NS-Vergangenheit des Fahrzeugs?

          Anders als einige Globalgeschichten, die oft etwas gezwungen die Universalität und insbesondere die Nicht-Westzentriertheit ihres Gegenstandes nachweisen wollen, schreibt Rieger eine deutsche Chronik, ohne die internationalen Verflechtungen aus dem Blick zu verlieren. So wird deutlich, dass die steigende Attraktivität des Autos ebenso mit dem aufkommenden Wohlstand in der westlichen Welt zusammenhing wie mit dem neuen Phänomen der Pendler und mit dem Bedürfnis nach persönlicher Freiheit.

          Angesichts der Erfolgsgeschichte stellt Bernhard Rieger ein ums andere Mal die Frage, wie dieser Durchbruch trotz der nationalsozialistischen Vergangenheit des Fahrzeugs möglich gewesen sei. Doch eben das zählt zu den wenig wunderlichen Komponenten vom „Volkswagen miracle“, wie die „Time“ 1954 titelte. Denn wer wollte in den Jahrzehnten nach dem Krieg an die Verbrechen der Nazis denken?

          Bündnispartner zu domestizieren, das war ihr realpolitisches Ziel. 

          Die Deutschen gewiss nicht (in Wolfsburg feierten die Rechtsextremisten in der Nachkriegszeit neue Siege). Aber auch die anderen Nationen zeigten bald kein Interesse mehr an den Greueln. Ein wirtschaftlich tüchtiges West-Deutschland als treuen Bündnispartner zu domestizieren, das war ihr realpolitisches Ziel. Und die geradezu symbolische Bestätigung dieser Politik in Form des wackeren Käfers musste allen willkommen sein.

          Erstaunlich ist vielmehr, dass die Vergangenheit des Autos in den heutigen stark sensibilisierten Zeiten kein Problem für Volkswagen darstellt. Das aber ist wohl nicht zuletzt der weitsichtigen Kommunikationsstrategie des Unternehmens zu danken.

          Zwischen Erfolgsgeschichte und Bloßlegung aller Sünden

          Bernhard Rieger entspricht mit seiner Mischung aus Erfolgsgeschichte und Bloßlegung aller Sünden der vorherrschenden VW-Erzählung, wie sie vom Unternehmen selbst geprägt wird: Die eigens für die Aufarbeitung eingerichtete Historische Kommunikation von Volkswagen bringt klug jede Schrecknis und jeden Makel aus der Vergangenheit ans Licht; sie ermöglicht mit dieser Aufklärungsarbeit, dass auch noch heute eine Automarke als sympathisch empfunden wird, die als Liebling der Nationalsozialisten ihren Ausgang nahm. Riegers Buch wird dadurch selbst zu einem eindrucksvollen Dokument fortschrittlicher PR-Leistung und deutscher Vergangenheitsbewältigung.

          Weitere Themen

          Leitfaden zur Neutralisierung der Welt

          Gendersprache : Leitfaden zur Neutralisierung der Welt

          Die Durchsetzung der politisch korrekten Sprache wird an den Hochschulen in den Dienst einer vermeintlich guten Sache gestellt. Im Kern ist sie aber ein bürokratisches Projekt.

          Klar erkennbar?

          Urteil „Informationsschreiben“ : Klar erkennbar?

          Im Fall der Klage bezüglich „presserechtlicher Informationsschreiben“ gibt es nun ein Urteil. Zwar müssen die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen gewahrt werden, rechtmäßig sind diese unter bestimmten Umständen dennoch.

          Topmeldungen

          Anwalt Michael Cohen : Tricksen für Trump

          Der ehemalige Anwalt des Präsidenten soll vor dem Wahlkampf eine Firma bezahlt haben, Online-Umfragen für Trump zu manipulieren. Für Cohen sprang ein Fake-Fanclub heraus, dessen Huldigungen immer noch online sind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.