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Bernhard Maier: Geschichte und Kultur der Kelten : Nicht jeder Druide ist ein Kelte!

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Bild: Verlag

Bernhard Maier versammelt, was wir von Geschichte und Kultur eines mythenumrankten Volkes wirklich wissen.

          3 Min.

          Mit den Kelten hat es eine merkwürdige Bewandtnis. Seit James Macpherson mit seinem Ossian dem gebildeten Europa der Goethezeit einen zweiten Homer schenkte, gehören sie zu unserer kollektiven Vorstellungswelt. Das aktuelle Spektrum reicht vom nationalen Freiheitshelden Vercingetorix, der in Alesia ein Museum erhält, über den faszinierend-rätselhaften Fürsten vom Glauberg bis hin zum Mystizismus um Druiden, weise Frauen und tapfere Führerinnen in den diversen von Romanen, Spielen und Internetgemeinden gespeisten Subkulturen. Es wird viel gefragt, spekuliert, geträumt - und die seriöse Forschung muss mit der ihr eigenen Aporie leben: Je mehr sie weiß, aus der Lektüre der griechischen und römischen Schriftsteller, dem Studium der (spärlichen) Sprachdenkmäler und den schier zahllosen Einzelbefunden der Ausgräber, desto weniger sieht sie sich in der Lage, allgemeinere Aussagen zu machen.

          Fast trotzig hält Bernhard Maier in seiner Bilanz von beinahe zwei Jahrhunderten Forschung am Begriff „die Kelten“ als zusammenfassende Bezeichnung für die eisenzeitlichen Kulturen West- und Mitteleuropas in ihren vielfältigen Wechselbeziehungen mit der antiken Mittelmeerwelt fest; diese sei „praktisch alternativlos“. Doch noch mehr als bei der Rede von „den alten Griechen“ oder „den US-Amerikanern“ handelt es sich um Konvention und Konstruktion.

          Und um ein Vexierbild, je nachdem, welche Quellengruppe betrachtet wird: Zeigen die schriftlosen Bodenfunde in Frankreich und Süddeutschland, in der Schweiz, in Österreich, Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Slowenien, auf der Iberischen Halbinsel und auf den Britischen Inseln mit Irland sowie die Überreste der „keltischen“ Kriegermigranten in Norditalien und Anatolien höchst uneinheitliche und sich zudem über gut sechs Jahrhunderte hinweg deutlich verändernde Regionalkulturen, ergibt sich aus den Sprachzeugnissen eine ziemlich homogene und von vielfältigen Übereinstimmungen gekennzeichnete Keltizität - obwohl noch vielfach unklar ist, wie man sich die innere Gliederung des keltischen Sprachraumes und den Zusammenhang der keltischen Sprachen miteinander im Detail vorzustellen hat. Und wann und unter welchen Umständen das Keltische nach Britannien gelangte, weiß man auch nicht.

          Gegen Verallgemeinerungen

          Die Kelten als einheitliche Größe anzusehen war lange Zeit vor allem dem Bild geschuldet, das antike Ethnographen, Geographen und Geschichtsschreiber nicht zuletzt aus Versatzstücken der Barbarentopik ge- und verzeichnet haben - wiederum mit Unschärfen, denn in diesen Schriften werden die Bewohner der Britischen Inseln nie als Kelten bezeichnet, wiewohl es dort Druiden gegeben habe. Strittiger denn je erscheint der Zusammenhang zwischen Sprache, materieller Kultur und Ethnizität. Naheliegende Kräfte der Vereinheitlichung waren Migrationen und Netzwerke lokaler Eliten. Da ein Großteil der Überreste der sogenannten materiellen Kultur aus Gräbern von Angehörigen just dieser Eliten stammt, kann die Verbreitung bestimmter Kulturmarker durchaus ein verzeichnetes Bild ergeben.

          Das Buch erscheint lediglich mit einem anderen Einband auch im ehrwürdigen „Handbuch der Altertumswissenschaft“. Dem verbreiteten Eindruck einer einheitlichen und weitgehend statischen keltischen Kultur tritt Maier entgegen, indem er jedem der genannten Großräume je ein Kapitel widmet, das einheitlich aufgebaut ist: Geschichte, Wirtschaftsformen, Siedlungswesen, Handwerk und Kunst, Handel und Verkehr, Gesellschaft, Religion und Sprache. Der rote Faden ist methodischer Natur: Immer wieder geht es gegen Verallgemeinerungen, Analogieschlüsse und die Verschaltung von Befunden unterschiedlicher Gattungen und Zeitstellung.

          Mit Kenntnis, Askese und Gründlichkeit

          Was kann man vermissen? Ungestellt bleiben übergreifende Fragen, die sich nicht aus dem Material ergeben, aber einem aufmerksamen Laien vielleicht aufdrängen. Warum gelang Griechen und Römern eine politische Konzentration zu Polis und Imperium, den Kelten aber nicht, obwohl sie jenen an Kampfkraft, technischer Kunstfertigkeit und naturräumlichen Begünstigungen nicht grundsätzlich unterlegen waren und es auch Ansätze zu einer Zentralisierung und Urbanisierung gab? Immerhin besaß das durch Caesar bekannte Bibracte einen sieben Kilometer langen Mauerring. Verschenkten die Fürsten ihr Potential, dauerhaft Macht zu formieren, indem sie in jeder Generation die mühsam erworbenen Reichtümer mit sich im Boden vergruben, während Griechen und Römer diese zu öffentlich sichtbarer Repräsentation nutzten oder vererbten? Waren es die geographische Lage ihrer Siedlungsräume und die zu frühe Konfrontation mit den Mächten der Mittelmeerwelt, was den Kelten die nachholende und nachahmende Formierung einer erfolgsfähigen Ordnung verwehrte - die den Germanen viel später gelingen sollte?

          Vielleicht wirft die große Keltenausstellung, die seit kurzem in Stuttgart zu sehen ist, zumindest Licht auf solche Fragen. Maiers durch souveräne Kenntnis, Askese und Gründlichkeit ausgezeichnetes Handbuch wird man, je nach Temperament, als faktengesättigte Basis jeder weiteren Forschung oder als positivistisches Veto gegen allzu geistreiches Räsonieren heranziehen.

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